Ministerium verzweifelt an Vampir-Hysterie

veröffentlicht am 15.04.2016

geschrieben von Artemis(Ravenclaw)
Bilder von Artemis(Ravenclaw)

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Ein schwerer Sarg aus Eichenholz in einem dunklen Gewölbe, der sich langsam beim Verschwinden des letzten Tageslichts öffnet. Eine dunkle Gestalt steigt empor. Eine Gestalt, vor der man Frauen und Kinder beschützen muss. So oder so ähnlich sah man früher Vampire in den Filmen der Muggel.

Doch das ist längst nicht mehr der Fall. Die düsteren Schlösser sind modernen Villen und schmucken Einfamilienhäusern gewichen und die Särge bequemen Betten mit Baldachin. Und auch das Bild des eigentlichen Schreckgespenstes, des Vampirs, hat sich deutlich geändert. Vorbei ist es mit dem Abschlachten unschuldiger Passanten auf der Suche nach dem Abendessen. Zwar ist der Hunger nach Blut nach wie vor vorhanden, jedoch wird dieser nun durch, nach geschicktem Manipulieren entwendeten, frisch aufbereitet Konserven aus den Blutbanken der Krankenhäuser gestillt oder man ernährt sich "vegetarisch" von Kleintieren. Und der ewige Feind des Vampirs, das Tageslicht, hat ebenfalls längst an Bedeutung verloren. Der heutige Vampir geht zusammen mit den Muggelkindern ungehindert in die Schule und hilft auch noch bei den Hausaufgaben, ohne gleich in Flammen aufzugehen.

Kurzum: Das Bild des Vampirs hat sich in der Muggelwelt gewandelt von einem erbarmungslosen Raubtier zu dem freundlichen Nachbarn, den man gerne zu seiner nächsten Grillparty einlädt. Besonders schlimm scheint es junge weibliche Muggel getroffen zu haben. Eine anonyme Quelle aus einschlägigen Kreisen bestätigte uns, dass es inzwischen ein leichtes sei, an Nahrung zu kommen und sich ihm die potentiellen Opfer förmlich an den Hals werfen: "So bald man auch nur andeutet, dass man ein Vampir sein könnte, kann man sich vor Angeboten fast schon nicht mehr retten."

Junges Mädchen schmachtet Vampir an

Trotzdem bleiben die bisherigen Gefahren bestehen, denn auch wenn sich die Ansichten der Muggel geändert haben, die Gewohnheiten der echten Vampire haben es sicherlich nicht. "Natürlich ist es bequemer in einem Bett als einem Sarg zu schlafen und die alten Schlösser waren gerade im Winter unheimlich zugig, aber wir sind und bleiben immer noch Vampire", dazu der Kommentar.

So wird es immer schwieriger, jene, die man zu beschützen versucht, auch tatsächlich auf die Gefahren aufmerksam zu machen. Im Ministerium werden zurzeit einige Kampagnen gestartet, die die gerechtfertigte Angst vor den Vampiren wieder wecken soll. "Wir versuchen entsprechende Literatur in den Muggelmarkt einzuschleusen, ohne dabei allzu auffällig auf die magische Welt hinzuweisen", so ein Sprecher des Ministeriums. "Jedoch scheinen unsere Autoren sich nur schwer in die Sichtweise der Muggel einfinden zu können, sodass bisherige neuere Werke noch keinen großen Anklang finden konnten. Wir versuchen nun vermehrt die klassische Literatur wieder aufleben zu lassen."

Doch woher kommt dieser Wandel? Ist das Leben der Muggel vielleicht so langweilig, dass sie die Gefahr auf diese Weise sogar suchen? Eine mögliche Erklärung liefert uns das Buch "Muggelfantasien – Zwischen Wunschdenken und Wahnvorstellungen" von Freudmund Siegrich, der darin die Faszination der Muggel mit dem Unbekannten und der Zauberei, wie sie sie sich vorstellen, untersucht. Darin beschreibt er ausführlich, wie die Muggel sich in ihren Vorstellungen die magische Welt zurechtbiegen, um sie auf irgendeinem Wege mit ihrer eigenen Welt verbinden zu können. "Die Muggel haben, ebenso wie Hexen und Zauberer, den Wunsch nach etwas Besonderem, Außergewöhnlichem in ihrem Leben. Dies stellt in ihrem Falle die Magie dar, da sie hierzu keinen Zugang haben", so der Autor. Um trotzdem in gewisser Weise daran teilhaben zu können, würden diese Dinge nun auf die Welt der Muggel reduziert. So werden die Vampire nun vermenschlicht und den Vorstellungen der Muggel angepasst, damit diese in deren gewöhnliche Welt integriert werden können.

Da die Muggel nun im Prinzip keine Ahnung von der drohenden Gefahr haben, in die sie sich teilweise willentlich begeben, steht das Ministerium nun vor einem besonderen Problem, das sich wohl auch nicht so schnell lösen lässt.

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