Adventskalender

22. Dezember

Schuld und Sühne

Er geht langsam durch die Winkelgasse, die Schritte gemächlich, er hat Zeit und wenn er ehrlich ist, dann kann er auch nicht mehr von einem Geschäft ins nächste flitzen immer auf der Suche nach dem perfekten Weihnachtsgeschenk. Er hat Zeit, die Geschenke sind längst bei ihren Empfängern und zu Hause stapelt sich die Weihnachtspost seiner Kinder. Er nennt sie immer noch so: seine Kinder, obwohl sie keine Kinder mehr sind und seine auch nie waren. Er weiß längst, was in den Karten stehen und welche Dinge sich unter dem bunten Papier verbergen werden. Tickets für das nächste Spiel der Holyhead Harpies, seltene Zaubertrankzutaten, kandierte Ananas... er hat nicht das Herz zu sagen, dass er dies nicht mehr braucht. Er geht nur noch gezwungenermaßen ′unter Leute′ und seit die Hände zittern, sind Zaubertränke ein rein theoretisches Vergnügen geworden. Und die Ananas... die landet wie jedes Jahr im Mülleimer. Ein schlechtes Gewissen hat er schon dabei. "Man wirft kein Essen weg", klingt ihm die Stimme seiner schon lange verstorbenen Mutter im Ohr, doch was macht das schon. Eine kleine Sünde mehr, die verblasst neben der anderen, der großen.
Er erinnert sich an Severus, für den Halloween immer der dunkelste Tag des Jahres war, für ihn ist es Weihnachten.

Um ihn herum Kinderlachen, an der Ecke spielen zwei Mädchen Weihnachtslieder und verdienen sich ein wenig Geld hinzu. Im Vorbeigehen lässt er einige Sickel in den umgedrehten Spitzhut fallen. Doch das wohlige Gefühl, den beiden vielleicht den ein oder anderen Weihnachtswunsch erfüllt zu haben, hält nicht lange vor. Inmitten des Trubels sieht er die Geister. Nicht jene Geister, die jeder Schüler aus Hogwarts kennt. Nein, zwischen die lauten Kinder mischen sich blasse, kleine Gestalten. Er hat Abraxas unterrichtet, Lucius und Draco. Er weiß, dass Scorpius seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Doch er weiß nicht, ob Colin Creeveys Kind genausoviel Begeisterung und genauso wenig Talent für Zaubertränke gezeigt hätte wie sein Vater. Er sieht die Prewett-Kinder, rothaarig wie ihre Tante stellt er sie sich vor. Dearborn, Black, McKinnon - Namen, die kein Hogwartslehrer mehr am Schuljahresanfang verlesen wird. Seine Schuld. Die Kälte kriecht zurück in die Glieder, da hilft auch nicht der warme Mantel. An der Nokturngasse läuft er schnell vorüber, auch wenn sie nur noch ein trauriger Rest ihrer selbst aus dunklen Zeiten ist. Als er schließlich den Tropfenden Kessel erreicht, geht er direkt zum Kamin und kehrt nach Hause zurück.
Der Flur ist einen Augenblick dunkel, ehe ein geflüsterter Lumos die Schatten zurücktreibt. Im Licht sieht er, dass weitere Briefe und Päckchen eingetroffen sind, doch er mag, er kann sie jetzt nicht sehen. Unwürdig, denkt er, unwürdig des Respekts, den man ihm noch immer entgegen bringt. Harry, der gute Junge, Harry hat Wort gehalten. Er hat sein Geheimnis, seine Schande nicht verraten. Doch vor sich selbst kann er nicht fliehen. Er geht in die Küche und schenkt sich einen Feuerwhiskey ein. Der Alkohol schafft das, was die Ananas schon lange nicht mehr kann: Er betäubt den Schmerz. Mit dem Glas in der Hand betritt er das Wohnzimmer und setzt sich in seinen Lieblingssessel. Es ist noch zu früh, um Schlaf zu finden. Er sieht sie vor sich, seine Kinder, jung und unschuldig, einstmals auch er. Hätte er es verhindern können? Hätte er sehen müssen, welch′ dunklen Weg er eingeschlagen hatte? Oft schon hat er sich diese Fragen gestellt. Er weiß, was Harrys Muggeltante dem Jungen sagte: "Wenn etwas mit der Hündin nicht stimmt..." und Merope war nicht seine Verantwortung. Er nimmt einen kräftigen Schluck aus dem Glas. Doch die Stimme in seinem Inneren ist noch deutlich vernehmbar: ′Du hast dem Jungen die Information überhaupt erst gegeben!′ - ′Aber er wusste schon, was Horkruxe sind und wie sollte ich ahnen...′ - ′Du warst vernarrt in dein Wissen, der große, unerschrockene Lehrer, der weiß, was Leute wie Dumbledore nicht wissen wollten, der offen jeglicher Magie gegenübertritt.′ - ′Aber...′ - ′Und du warst feige! Severus hat seinen Fehler erkannt und dafür gebüßt, mit dem Leben bezahlt hat er ihn und was hast du?! Du hast geschwiegen, du hast gelogen, als Dumbledore dich danach fragte. Fünfzig Jahre lang hast du aus Scham stillgehalten, während um dich herum jene starben, die dir anvertraut waren.′
Er hat keine Antwort mehr, wenn er ehrlich ist, hatte er noch nie eine Antwort. Er weiß nicht, was schlimmer ist, sein Fehler vor über siebzig Jahren oder sein Umgang damit. Er verflucht seine Feigheit, seine Bequemlichkeit - er beneidet selbst Severus, auch eines seiner Kinder, das er verraten hat und das zu beneiden wohl den wenigsten in den Sinn käme. Doch Severus ist tot, starb immerhin den Heldentod, hat seine Schuld, die verglichen mit seiner eigenen ihm so ungleich kleiner scheint, längst bezahlt. Albus Severus heißt der jüngste Pottersohn, nicht Albus Horace und wiewohl er froh ist, dass Harry seinen Frieden mit Severus Snape und Slytherin gemacht hat, so spürt er doch die Zurücksetzung. Severus hat sich Harrys Respekt verdient, er nicht.
Das Glas ist leer und mit Blick auf die Uhr beschließt er, dass er nun ins Bett gehen kann. Schlafen, vergessen, ein wenig Ruhe finden bis zum nächsten Tag.

Der nächste Morgen ist hell und klar und wenn die trüben Gedanken auch nicht ganz verschwunden sind, so ist doch seine innere Stimme ruhig, dafür ist er dankbar. Mechanisch zieht er sich an, bereitet das Frühstück, gibt der Zeitungseule ihr Geld. Liest, isst, überlegt. Ein Tag noch bis Heiligabend, ein Tag noch, bis die Geschenke ausgepackt und die Weihnachtskarten beantwortet werden wollen. Er beschließt den Tag in Cornwall zu verbringen. Appariert nach dem Frühstück an die Steilküste und wandert. Das Laufen im Schnee fällt ihm schwer, der Wind pfeift laut um die Ohren. Doch wichtiger ist, dass er die Stimme nicht hören, die Geister nicht sehen kann und als er abends nach Hause kommt, ist die Stimme zu müde, mit ihm zu diskutieren. Er geht ohne Feuerwhiskey ins Bett.

Der Tag graut, als er aufwacht. Heiligabend ist da - Weihnachten hat begonnen und ihm stehen drei Festtage bevor, die ihm jedes Jahr wieder mit ihrer Fröhlichkeit und Feierlichkeit die Kluft aufzeigen, die sich unsichtbar zwischen ihm und anderen auftut. Neujahr kann man verschlafen, Weihnachten nicht. Letztes Jahr war er weggefahren, in den Süden, irgendwo dorthin, wo Weihnachten nicht existiert, wo die Menschen ganz normal zur Arbeit gehen und abends an den Strand. Und doch, und doch gerade die Abwesenheit jeglicher Weihnachtlichkeit hatte ihn jene Tage besonders deutlich empfinden lassen. Du kannst nicht vor dir selber weglaufen, denkt er, Weihnachten ist in dir drinnen. Also bleibt er hier, zelebriert den Schmerz, wenn man so will.
Als es nachmittags anfängt zu schneien, nimmt er seinen Mantel und geht raus. Spaziert durch Muggellondon, sieht die Flocken fallen und den eigenen Fußspuren hinterher. Die Stadt ist still und die Ruhe ist Balsam auf seiner Seele. Ein weißes Tuch bedeckt allen Unrat. Er kommt zu einer Kirche. Er ist voller Bewunderung für die Kunst der Muggel, ohne Magie solche Gemäuer zu errichten, doch mit dem Glauben kann er nichts anfangen. Er scheint ihm tot und kalt wie die Steine, aus denen das Gebäude ist.
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Doch heute ist es voller Leben, Lichter flackern und aus dem Inneren dringen zu ihm die dünnen Stimmen jener Menschen, die es nicht gewohnt sind, laut zu singen:
Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern.
Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.

Er steht da, bis der letzte Akkord verklungen ist. Berührt, verwirrt, das Innere ein einziger Aufruhr. Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. Die Worte hallen in ihm nach, während er nach Hause geht. Er sieht sich um, das samtige Schwarz der Nacht umfängt ihn, aber es bedrückt ihn nicht mehr. Der warme Lichterschein aus den Häusern scheint ihm nicht mehr Hohn, sondern einladend. Er bleibt an einem Fenster stehen: Kinder sitzen unterm Weihnachtsbaum und packen unter den andächtigen Blicken der Eltern Geschenke aus. Das helle Kinderlachen, die unbändige Freude schneidet ihm nicht mehr ins Herz und aus den Augenwinkeln sieht er ein rothaariges Kind ihm leise zulächeln und dann verschwinden. Der Tag ist nicht mehr fern.

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