Adventskalender

19. Dezember

Vergangenheit und Gegenwart

Die Weihnachtstage waren bei George Weasley seit fast 20 Jahren ein zweischneidiges Schwert gewesen und auch das diesjährige Weihnachtsfest machte dabei keine Ausnahme. Einerseits war er gesund und glücklich, er hatte eine tolle Familie, eine Frau und Kinder, die er über alles liebte und einen Job, der ihm jeden Tag aufs Neue Spaß machte. Andererseits vermisste er besonders in dieser Zeit seinen Zwillingsbruder Fred über die Maßen. Oft unternahm er zusammen mit dem Familienhund Whiskey lange Spaziergänge durch den verschneiten Wald um allein zu sein und nachzudenken.
Auch heute, am vierten Advent, drei Tage vor Weinachten, wandelte er bereits seit mehr als zwei Stunden gedankenversunken die verschneiten Waldwege entlang. Er erinnerte sich wieder einmal an eines der letzten Gespräche mit Fred. Sie waren zwar immer lustig drauf gewesen, aber manchmal hatten auch sie über den Sinn des Lebens nachgedacht. Es war der 27. April gewesen und sie hatten sich darüber unterhalten, wie der ganze Krieg wohl enden würde. Ohne viele Worte waren sie sich einig gewesen, dass sie bis zum Ende kämpfen wollten, egal wie das Ganze ausgehen mochte. Sie hatten zwar nicht damit gerechnet, auseinander gerissen zu werden, nur noch die Hälfte eines Ganzen zu sein, aber die Möglichkeit hatte immer bestanden. George wusste, dass Fred, genauso wie er selbst, sich immer gesagt hatte, dass sie glücklich weiter leben wollten, wenn einmal der andere nicht mehr da sein würde. Aber dennoch war George immer wieder traurig und dachte an das, was er mit Fred verloren hatte. In Gedanken war er bei Fred, er wusste, dass dieser auch an ihn dachte, wo immer er auch sein möge.
Seine Gedanken wanderten zurück zu einer Zeit, in der sie noch unbeschwert und glücklich gewesen waren. Er erinnerte sich, wie sie immer Ron und Ginny, als die beiden Jüngeren in der Familie, geärgert hatten, an die vielen Streiche zu Hause und in der Schule. Die Jahre in Hogwarts waren für sie beide mit die glücklichste Zeit gewesen. Die Erinnerung an das Feuerwerk, das sie Umbridge beschert hatten, tauchte vor seinem geistigen Auge auf und er musste unwillkürlich lachen.
Diesen Gedanken festhaltend, die glückliche Zeit mit seinem Zwilling, ging er zurück nach Hause. Dort warteten bereits sein Sohn Fred jr., seine Tochter Roxanne sowie seine Frau Angelina auf ihn. Sie waren gerade dabei, den Weihnachtsbaum zu schmücken und Kekse zu backen. Sein Sohn erinnerte ihn immer wieder an seinen Zwillingsbruder, er war genauso verrückt und begeistert von Scherzartikeln wie er selbst. Für Fred jr. war es bereits beschlossene Sache, dass er eines Tages den Scherzartikelladen in der Winkelgasse übernehmen würde, was George natürlich sehr freute. George konnte gerade noch beobachten, wie Fred auf den Stuhl seiner Schwester ein Furzkissen legte, ehe sie sich darauf setzte. Die darauf folgende Rangelei der beiden war typisch, Roxanne, auch liebvolle Roxy genannt, war das genaue Gegenteil ihres Bruders und kam mehr nach ihrer Mutter. Sie war viel ehrgeiziger und auch ruhiger als ihr Bruder. Zurzeit wollte sie unbedingt etwas Gutes in der Welt bewirken und Heilerin werden, aber bis zu ihrem Schulabschluss hatte sie noch einige Zeit, sodass sich dieser Wunsch auch noch ändern konnte.

Gemeinsam mit seinen Kindern hängte George den selbst gebastelten Weihnachtsschmuck der letzten Jahre an den riesigen Baum im Wohnzimmer. Die Beiden waren schon ganz aufgedreht und konnten es gar nicht mehr erwarten, bis endlich Weihnachten war. George erinnerte sich noch gut an die Zeit, als er in ihrem Alter gewesen war, auch er und seine Geschwister konnten Weihnachten meist gar nicht erwarten und rannten bereits mehrere Tage vorher aufgedreht durchs Haus. Seine Mutter hatte das immer wahnsinnig gemacht, aber bei einer Großfamilie wie den Weasleys war Chaos und Lärm fester Bestandteil des Alltags. Er musste lächeln, als er sich an die vielen verschiedenen Pullover und Schals erinnerte, die er und seine Geschwister immer - von Molly natürlich selbst gestrickt - geschenkt bekommen hatten. Auch jetzt hatte er noch einige davon im Schrank hängen und er war sich sicher, dass auch in diesem Jahr wieder einer dazu kommen würde.
Während er und die Kinder mit dem Schmücken des Baumes beschäftigt waren, war Angelina in der Küche dabei den Kuchen für das große Familienessen zu backen. Am ersten Weihnachtsfeiertag würden alle Weasleys zusammen bei Molly und Arthur Weihnachten feiern. Wie jedes Jahr würde es eine große und vor allem laute Angelegenheit werden. George freute sich immer, wenn die ganze Familie versammelt war. Er liebte seine Geschwister über alles – sowohl den ordnungsfanatischen Percy, den draufgängerischen Bill, den drachenverrückten Charlie als auch seine jüngeren Geschwister, den immer etwas unsicheren Ron wie auch seine toughe Schwester Ginny – und er war froh, dass sie alle ein glückliches Leben führten.
George freute sich aber auch auf den zweiten Weihnachtstag. Dann würden er und Angelina mit den Kindern zu Angelinas Eltern fahren, hoch in den Norden, wo sie einige Tage Urlaub machen würden.
Am späten Nachmittag war der Baum geschmückt und der Kuchen fertig gebacken. Sie konnten es sich auf dem Sofa gemütlich machen und eine Tasse leckeren Früchtetee trinken. Während seine Kinder auf dem Teppich mit ihrem Spielzeug spielten und seine Frau sich vertrauensvoll an ihn kuschelte, dachte George nach. Er hatte ein wunderbares Leben, natürlich vermisste er seinen Bruder unsagbar und er erinnerte sich auch an die vielen anderen Menschen, Freunde und Bekannte, die im Kampf gegen Voldemort in der Schlacht von Hogwarts gefallen waren. Aber er wusste auch, dass sie alle es gewollt hätten, dass die Überlebenden glücklich wurden. Und das war er auch: Er war glücklich!

Zurück zum Adventskalender