Das Weihnachtsmärchenbuch
Mr Smith, seines Zeichens für den Einkauf von Büchern bei Flourish & Blotts zuständig, hatte sich dieses Jahr so sehr auf ein ruhiges Weihnachtsfest gefreut. Privat hatte er frühzeitig begonnen, die Geschenke für seine Frau und die gemeinsamen drei Kinder zu besorgen und jetzt zwei Tage vor Weihnachten waren alle Geschenke verpackt und sicher im Schuppen versteckt. Gestern hatte er den Weihnachtsbaum aufgestellt, den seine Frau zusammen mit den Kindern heute schmücken würde. Auch die Plätzchen waren gebacken und der Großeinkauf für die Feiertage lag schon hinter seiner Familie. Alles in allem standen der Familie Smith also entspannte Weihnachten bevor. Doch als heute Mr Smith gut gelaunt zur Arbeit kam, stand schon ein Auror vor der Tür von Flourish & Blotts zusammen mit einer Gruppe weiterer Auroren und einigen Unsäglichen.
“Mr Smith?”
Der Auror trat auf ihn zu und Mr Smith, dem die Stimme versagte, nickte nur.
“Wir haben hier einen Durchsuchungsbefehl für Flourish & Blotts sowie eine Anordnung des Zaubereiministers, alle Exemplare des Buches 1001 Weihnachtsmärchen zu beschlagnahmen.”
“Beschlagnahmen?”, piepste Mr Smith. “Aber warum das denn?”
Ginny Potter, geborene Weasley, war im Weihnachtsstress. Ihre beiden Söhne würden heute Nachmittag mit dem Hogwarts-Express nach Hause kommen und sie hatte es noch nicht geschafft, den neuen Rennbesen für James Sirius zu besorgen. Ihre Tochter Lily hatte ihr zudem noch das Versprechen abgenommen, dass sie noch vor Ankunft der beiden Jungen gemeinsam Plätzchen backen würden. Und dann musste sie ja auch noch arbeiten, denn gestern abend war ein Weihnachts-Notfall gemeldet worden. Irgendein schwarzmagisches Weihnachtsbuch war bei Flourish & Blotts aufgetaucht. Als Pressesprecherin des Zaubereiministeriums musste sie unbedingt die Fakten parat haben, um der Presse Rede und Antwort stehen zu können. Zwei Tage vor Weihnachten war dies einfach eine zu gute Weihnachtsstory, als dass sich das irgendeine Zeitung entgehen lassen würde.
Früher einmal hatte Ginny ja selbst auf der anderen Seite gearbeitet als Sportreporterin für den Tagespropheten. Nachdem sie wegen der Kinder nicht mehr selbst als professionelle Quidditchspielerin arbeiten konnte, hatte es ihr viel Spaß gemacht, wenigstens als Reporterin alle Quidditchspiele sehen und kommentieren zu können. Ihre Quidditchbesprechungen im Tagespropheten erhielten viel Aufmerksamkeit und die meisten Leser waren sich einig, dass Mrs Potter einen ungewöhnlichen Quidditchsachverstand mit einem seltenen rhetorischen Talent vereinte, das ihre Artikel zu lesen zum Genuss werden ließ. Doch auch der Traumberuf kann zur Qual werden, wenn es denn die lieben Kollegen so wollen. Ginny war das permanente Intrigieren in der Redaktion des Tagespropheten leid geworden und nicht nur das, man hatte ihr sogar nahegelegt, ihre Spielberichte ein bisschen mehr dem Wohlwollen der Anzeigenkunden anzupassen. Nach einem unschönen Vorfall mit den Falmouth Falcons hatte es ihr dann endgültig gereicht und sie hatte ihre Kündigung eingereicht.
Als Pressesprecherin des Zaubereiministeriums musste sie zwar oftmals eher wortreich nichts sagen, doch immerhin nicht Lügen über ein Quidditchteam verbreiten, nur weil die Managerin mit dem Chefredakteur ins Bett ging! Doch nun war nicht die Zeit, über die Vergangenheit nachzudenken, Ginnys Uhr wiederholte schon pausenlos: Du bist zu spät! Beeil dich!
Ginny apparierte ins Zaubereiministerium und ließ sich von ihrem Sekretär die nötigen Informationen geben sowie den Werbeprospekt für das Corpus Delicti. Das Cover war hellblau mit einem lachenden Weihnachtsmann umgeben von fallenden Schneeflocken und der Prospekt versprach:
Das erste magische Weihnachtsbuch! Es erzählt Weihnachtsmärchen nach Weihnachtsmärchen stundenlang, ohne sich zu wiederholen.
Angeblich war es dem anonymen Autor des Obscurus Verlags gelungen, ein magisches Buch zu entwickeln, das alle existierenden Weihnachtsgeschichten dieser Welt enthalten sollte. Ginny las weiter: Wenn man es aufschlägt, sieht man keine Buchstaben, sondern es ertönt eine Stimme, die eine Weihnachtsgeschichte erzählt. Möchte man eine bestimmte Geschichte hören, so reicht es, ein Schlagwort oder den Titel zu nennen und das Buch wählt automatisch die richtige Geschichte aus.
Dann nahm Ginny den Bericht aus der Abteilung der Unsäglichen zu Hand und suchte die richtigen Worte für die Pressemitteilung.
In der Zwischenzeit musste Mr Smith hilflos mit ansehen, wie die Auroren Flourish & Blotts auf den Kopf stellten, um zu verhindern, dass er irgendwo noch Exemplare des verbotenen Buches versteckt hatte. Ein Flohanruf beim Obscurus Verlag ergab, dass auch dort die Auroren gerade alle Ausgaben von 1001 Weihnachtsmärchen einsammelten. Mr Smith überließ den Laden einem jüngeren Verkäufer, der inzwischen eingetroffen war und stieg durch den Kamin durch zu Miss Myer in die Räume des Obscurus Verlags. Miss Myer hatte auch nicht viel mehr Informationen als Mr Smith und nachdem sie sich eine Weile gegenseitig ihr Leid geklagt hatten der Umsatzrückgang! das Durcheinander! und dann auch noch direkt vor Weihnachten! beschlossen sie, ins Zaubereiministerium zu gehen und dort direkt nachzufragen, wie es zu diesem absurden Vorwurf der Schwarzzauberei gekommen sei.
Mrs Potter hatte inzwischen ihre Pressemitteilung fertig, lehnte sich zufrieden in ihrem Stuhl zurück, las sie noch einmal durch und gab sie dann ihrem Sekretär zur Weiterleitung an die verschiedenen Zeitungen der Zaubererwelt. Ginny sah auf die Uhr und stellte fest, dass sie in einer Stunde Feierabend hatte, wenn nichts mehr geschah, was Überstunden nötig machen würde. In der Zwischenzeit schnappte sie sich ein Pergament und schrieb auf, was sie noch alles vor Weihnachten erledigen musste.
Mr Smith und Miss Myer kamen zu dieser Zeit gerade im Zaubereiministerium an; nachdem sie ihre Zauberstäbe zur Kontrolle vorgezeigt und Besucherschilder bekommen hatten, schickte man sie zu einem gewissen Mr Johnson. Johnson Ginny Potters Sekretär, der sich in seiner Verantwortung nicht so recht gewürdigt sah drückte den beiden wortlos das Pergament mit der Pressemitteilung in die Hand, nachdem sie ihr Anliegen vorgebracht hatten. Mr Smith hielt das Pergament in seinen vor Aufregung zitternden Händen und las vor:
“Der Verkauf des Buches 1001 Weihnachtsmärchen erschienen im Obscurus Verlag wird mit sofortiger Wirkung verboten. Es besteht der dringende Verdacht, dass dieses Buch mit Hilfe von Schwarzer Magie erschaffen wurde. Es ist bisher nicht ersichtlich, woher das Buch Kenntnis angeblich sämtlicher Weihnachtsgeschichten dieser Erde hat. Der Obscurus Verlag weigert sich hartnäckig, den Namen des Autors herauszugeben und es ist den Fachzauberern und Fluchbrechern des Zaubereiministeriums noch nicht gelungen, die auf dem Buch liegenden Zauber zu brechen. Es steht zu befürchten, dass eine Art von Magie im Spiel ist, wie sie Tom Riddle, der vormalige Lord Voldemort, bei der Belebung seines Tagebuchs verwendet hat. Aus diesem Grund bleibt der Verkauf dieses Buches bis auf weiteres untersagt. Wir fordern alle bisherigen Käufer auf, ihre Exemplare umgehend dem Zaubereiministerium zukommen zu lassen.”
Miss Myer traten Zornestränen in die Augen. “Das ist eine Lüge!”, kreischte sie. “Wir weigern uns nicht wir wissen es einfach nicht, wer der Autor ist! Wie können Sie bloß solche Lügen verbreiten?! Wissen Sie nicht, dass Sie damit unsere Existenz ruinieren?! ” Und so ging es weiter.
“RUHE! Was ist dies für ein Lärm?!” Mrs Potter war von ihrem Büro in das Vorzimmer gegangen, denn bei diesem Radau konnte sie nun wahrlich nicht arbeiten, geschweige denn Weihnachtsvorbereitungen für zu Hause treffen!
Mr Johnson, Miss Myer und Mr Smith fingen nun alle gleichzeitig an zu erklären und so verstand Ginny noch weniger, was die beiden Besucher von ihrem Sekretär wollten. Miss Myers hohe Stimme ging ihr auf die Nerven und Mr Johnsons Gehabe konnte sie nur an guten Tagen ertragen heute war kein guter Tag für Ginny Potter.
“JETZT REICHTS! In einer halben Stunde habe ich Urlaub und in zwei Tagen ist Weihnachten! Gehen Sie oder bleiben Sie meinetwegen hier aber seien Sie bloß still und wehe, Johnson, ich höre noch einen Ton aus diesem Zimmer!” Und mit diesen Worten wandte sich Ginny ab, ging in ihr Dienstzimmer und ließ die Tür mit einem lauten Rumms ins Schloss fallen. Was für eine Furie, dachte sich Johnson, aber da er einen Heidenrespekt vor seiner Chefin hatte, führte er seine Besucher aus dem Zimmer heraus und auf den Flur. Dort warfen sie sich noch einiges an den Kopf, bis schließlich Johnson den Sicherheitsdienst rief, der Mr Smith und Miss Myer unsanft vor die Tür setzte.
Die beiden standen auf, klopften sich den Dreck von den Kleidern, wünschten sich ein trauriges Frohe Weihnachten und kehrten dann niedergeschlagen in ihre jeweiligen Geschäftsräume zurück, um Schadensbegrenzung zu betreiben.
Ginny Potter unterdessen hatte frohgemut ihr Büro verlassen, mit ihrer Tochter Plätzchen gebacken, ihre Söhne vom Bahnhof abgeholt, den Rennbesen per Eule bestellt und sogleich liefern lassen. Die letzten Tage vor Weihnachten waren gut überstanden und selbst ihre halbe Stunde Arbeitszeit war nach ihrem kleinen Wutanfall ruhig und ungestört verlaufen. Keiner hatte mehr eine Anfrage gebracht und als sie am nächsten Morgen wie gewohnt die Zeitungen durchsah, bemerkte sie, dass nur der Klitterer in seiner üblich abstrusen Manier einen fantastischen Bericht über die Beschlagnahmung des Weihnachtsmärchenbuchs gebracht hatte. Am Tag darauf kam schließlich pünktlich zu Heiligabend die Hexenwoche Ginny hielt nicht mehr so viel davon wie in ihrer Jugend, aber das Blatt erheiterte sie immer wieder. Auch die Hexenwoche hatte die Geschichte aufgeschnappt, doch dieser einen eigenen Dreh gegeben. Hier war eine tragische Liebesgeschichte zwischen Miss Myer und dem anonymen Autor erfunden worden und Johnson ihr Johnson hatte angeblich die Unsäglichen auf das Buch angesetzt, weil er insgeheim in die hübsche Miss Myer verliebt war. Ginny prustete vor Lachen. Nur ihr ehemaliger Arbeitgeber, der Tagesprophet, hatte die Geschichte völlig verschlafen. Kein Wunder, dachte sich Ginny, bei dieser Redaktion....
Schließlich kam der Abend und Mr und Mrs Potter sowie ihre drei sehr aufgeregten Kinder ließen sich unter dem Weihnachtsbaum nieder und packten Geschenke aus. James Sirius war hoch erfreut über seinen neuen Rennbesen, Albus Severus hatte sein Gesicht schon hinter der Premium-Ausgabe von Geschichte Hogwarts versteckt und Lily wäre am liebsten gleich in die Küche gegangen, um ihre neuen Backrezepte auszuprobieren. Ginny und Harry lächelten sich an. Nun war es an der Zeit, dass die glücklichen Eltern ihre Geschenke auspackten. Lily hatte beiden Eltern Bilder gemalt. Albus Severus hatte ihnen nichtschmelzende Eisrosen geschenkt, die man sich aufs Fensterbrett stellen konnte. Doch James Sirius schoss dieses Jahr den Vogel ab. Freudestrahlend überreichte er seinen Eltern ein Päckchen, das verdächtig nach einem Buch aussah. Ginny packte es vorsichtig aus: 1001 Weihnachtsmärchen. Entgeistert sah sie ihren Sohn an, dessen Miene fiel. Unsicher fragte er: “Ja, freut ihr euch denn nicht darüber? Das ist mein eigenes Buch, ich habe das selbst entwickelt als Projekt im Zauberkunstunterricht, aber damit es eine Überraschung für euch wird, habe ich es anonym im Obscurus Verlag publiziert.” Ginny lächelte müde und antwortete: “Es ist wunderbar, mein Schatz. Vielen Dank für dieses tolle Geschenk!” Doch bei sich dachte sie: Diese unfähigen Unsäglichen, denen werde ich nach Weihnachten den Marsch blasen! Und so ging für die Potters ein friedliches Weihnachtsfest zu Ende.
Und Mr Smith und Miss Myer? Nun, beiden gelang es über die Feiertage, ihre Fassung wiederzugewinnen. Bald nach Weihnachten nahmen sie sich einen Anwalt und gemeinsam mit dem Zeugnis von James Sirius Potter und dessen Zauberkunstlehrer gelang es ihnen, vom Zaubereiministerium Schadensersatz wegen Geschäftsschädigung zu verlangen. Die Abteilung der Unsäglichen wurde zum Gespött der Massen und diesmal hatte nicht einmal der Tagesprophet die Story verpasst.
Weihnachten 2009 by Annele