Auf der Suche nach Weihnachten
Weihnachten, das habe ich als Auslandskorrespondentin des Tagespropheten immer wieder zu hören bekommen, was soll denn das sein? Vor allem in den östlichen Kulturen werden mir immer wieder befremdliche Blicke zugeworfen, wenn ich meinen Führern erkläre, dass ich am 24. Dezember wieder zurückreisen müsse, es sei ja schließlich Weihnachten. Bei meinem letzten Versuch, es zu erklären unterhielt ich mich mit einem sehr schlauen, chinesischen Beamten aus der 'Abteilung zur Überprüfung neuer Zauber', kurz AÜZ. Ich hatte ihm, darauf wies er mich schließlich hin, Weihnachten so erklärt, als ob es sich nur um Geschenke handeln würde. Ob das denn alles sei, oder ob da noch ein tieferer Sinn dahinter stecke, wollte er wissen.
Naja, musste ich ihm schließlich antworten, eigentlich sprechen alle nur über Geschenke, Geschenke, Geschenke, aus den Radios dröhnen alte und neue Weihnachtslieder und alles ist grell-bunt dekoriert. Ob sich unter all dem noch ein tieferer Sinn verstecke, das könne ich ihm nicht sagen. Dieses Gespräch beschäftigte mich so sehr, dass ich mich kaum konzentrieren konnte, als ich zurück in die weihnachtlich gestaltete Zentrale des Tagespropheten apparieren wollte. Sowohl Kobolde als auch Zauberer liefen in lächerlichen Nikolaus-Mützen umher, wünschten einander ein frohes Fest und warfen mir verwunderte Blicke zu, da ich mich nicht so aufführte wie sie.
Das war der Moment, in dem ich mich entschied, dass ich dieses Jahr keine Lust hatte auf dieses grell-bunte Weihnachtsgewirr und mich lieber auf die Suche nach dem ursprünglichen Weihnachtsgedanken machen wollte. Mit dieser Suche verbrachte ich auch den Rest des Nachmittags.
Das einzige jedoch, was ich herausgefunden hatte, als man mich schließlich um sechs Uhr mit einem frohe Weihnachten aus dem Büro schmiss, war, dass der Ursprung von Weihnachten wohl bei den Muggeln lag. Also ging ich in meinen Mantel gehüllt die beleuchteten Straßen entlang, auf der Suche nach Muggeln, die mir weiterhelfen konnten. Aber die sonst so belebte Stadt war wie leer gefegt und alles war in eine klingenden Stille eingehüllt.
Ein wenig frustriert setzte ich mich schließlich in den Stadtpark, in dessen Mitte eine gewaltige Kirche stand, aus der selbst am Rande des Parks immer noch ein Chor von vielen hundert Stimmen zu hören war. Die ganzen Menschen, die nicht auf der Straße gewesen waren, wurde mir klar, mussten sich wohl in der Kirche befinden. Weihnachten hatte also etwas mit der Religion der Muggel zu tun. Ich brauchte also nur zu warten, bis die Muggel aus der Kirche heraus kämen - einer von ihnen konnte mir bestimmt verraten, warum man Weihnachten feierte. Das machte mir neuen Mut.
Während ich wartete und mir immer kälter wurde, wurde es in der Kirche leise, sodass ich eine andere Musik wahrnehmen konnte, die aus einem der Häuser hinter mir kam: ...da sang ein Engelschor: “Die Welt ist nicht verloren" und über allem strahlte hell der Weihnachtsstern. Da wurde dir und mir ein neues Licht gegeben, das unsre Herzen immer neu erwärmen kann, und wenn es dunkel wird für uns in diesem Leben, fängt es mit seiner ganzen Kraft zu leuchten an...”
Ich war so auf den Text konzentriert gewesen - der mich irgendwie tief berührte, ohne dass ich den Sinn wirklich verstehen konnte - dass ich gar nicht bemerkt hatte, dass die Veranstaltung in der Kirche nun zu Ende war und der Park sich nun mit glücklichen, vorfreudigen Familien füllte. Ein junges Paar mit zwei Kindern kam auf mich zu und sie fragten mich, ob sie mir helfen könnten. Ich erzählte, dass ich auf der Suche nach dem Weihnachtsgedanken war - ob sie ihn mir denn erklären könnten. Bevor die Erwachsenen jedoch den Mund aufmachen konnten, antwortete der kleine Junge in ihrer Mitte folgendes:
“An Weihnachten wurde das Jesuskind geboren und hat allen Menschen neue Hoffnung und Liebe geschenkt. Diese Liebe verschenken wir weiter und die Hoffnung und deswegen feiern wir immer alle zusammen, nicht wahr? Wollen Sie mit uns Weihnachten feiern? Bei uns ist noch Platz, ich teile auch meine Schokolade mit Ihnen.”
Auch wenn ich das Angebot höflich ablehnte, konnte ich den Weihnachtsgedanken danach doch spüren. Weihnachten ist also ein Fest des Miteinanders, ein großes Teilen und Schenken. Es geht um die Liebe zueinander und die Freude aneinander. Die Geschenke an sich, die sind dabei nebensächlich.
Weihnachten 2009 by Padfootsmate