Magische Weihnachten

Ein Weihnachtsmann namens Dumbledore

Es war ein kalter, trister Tag im Dezember. Sarah sah aus dem Fenster: Es schneite nicht, wie es sich wenige Tage vor Weihnachten gehörte, sondern regnete in Strömen. Der Himmel war bleiern und wolkenverhangen, die Stimmung im Hause gedrückt. Ausgerechnet zwei Wochen vor Weihnachten war Sarahs Großmutter gestorben und nun war ihre Familie statt mit fröhlicher Weihnachtsbäckerei damit beschäftigt, den Haushalt von Sarahs Großmutter aufzulösen. Sarah war das alles zuviel geworden: die traurigen Gesichter, die Diskussionen zwischen ihren Eltern, Tanten und Onkeln, wer was behalten durfte und was man besser wegschmeißen sollte und dazwischen ihre kleinen Cousins und Cousinen, die entweder in Anbetracht des Chaos aufgeregt hin und herliefen oder in Tränen ausbrachen. Und so hatte sie sich auf den Dachboden zurückgezogen, war eine zeitlang zwischen den Truhen und Schränken hin und her gegangen und hatte schließlich den alten Schulkoffer ihrer Großmutter entdeckt. Nach kurzer Zeit siegte die Neugier über ihre Trauer und sie machte ihn vorsichtig auf: Darinnen lagen alte Schulroben, Schulbücher, antiquierte Spielsachen und selbst die Reste eines zerbrochenen Zauberstabs. In einer Ecke entdeckte Sarah zudem einen Stapel vergilbter Zeitungen; die oberste Ausgabe eines Klitterers war so gefaltet, dass ihr der Titel sofort ins Auge sprang:

War Albus Dumbledore der Weihnachtsmann?

Albus Dumbledore? Der Albus Dumbledore? Neugierig geworden las Sarah weiter:

Hogsmeade, 27. Dezember 1997
Verschiedene Geschehnisse haben uns den Anlass gegeben, uns zu fragen, ob Albus Dumbledore, ehemaliger Schulleiter von Hogwarts, Schule für Hexerei und Zauberei, Orden des Merlin Erster Klasse, Großzauberer, Hexenmeister, Ganz Hohes Tier, Internationale Vereinigung der Zauberer, Mentor von Harry Potter, der Weihnachtsmann war. Wie uns Clarissa Sharrow (41, Hogsmeade) berichtet: “Jedes Jahr hat ein Unbekannter zu Weihnachten die Geschenke für meine beiden Kinder durch den Kamin gebracht. Er hat sich nie gezeigt, denn er kam mitten in der Nacht, aber er hat immer einen Sack Geschenke und Asche hinterlassen und 'Liebe Grüße vom Weihnachtsmann'. Doch dieses Jahr sind keine Geschenke gekommen.”

Von derartigen Erlebnissen berichteten noch mehrere Haushalte mit vorwiegend jüngeren Kindern, es handelt sich also um ein in der magischen Welt weit verbreitetes Phänomen. Was uns zu denken geben sollte, ist die Tatsache, dass sich bei den meisten Zaubererkindern bei den Geschenken eine Packung Zitronenbonbons befand, eine Muggelsüßigkeit, für die Dumbledore bekannt war.

Um der Frage auf den Grund zu gehen, befragten wir Aberforth Dumbledore, den Bruder von Albus D. und Wirt des Eberkopfes, eines Lokals in Hogsmeade. “Albus war schon immer sehr seltsam gewesen, ich würde es ihm zutrauen. Aber was weiß ich schon über seine Taten, er hat doch immer alles geheim gehalten”, erzählte er uns, was uns allerdings nicht sehr viel weiter brachte. Um an diesem Punkt nicht aufzuhören, haben wir uns über die Todesfälle des vergangenen Jahres informiert, jedoch war keine ähnliche Person darunter, was eindeutig auf Dumbledore hinweist.

Was wir dann fanden, sprengte den Rahmen, und damit ist bewiesen, dass Albus Dumbledore derjenige ist, der den Kindern die Geschenke bringt:
In seinem Nachlass fand sich ein kleines Büchlein, welches er Minerva McGonagall vererbt hat, die es uns freundlicherweise gegen einen kleinen Betrag zeigte. In diesem Buch, welches den Titel 'Weihnachten mit Zitronenbonbons' trägt, finden sich Pläne aller Zaubererhaushalte Großbritanniens, in welchen die Kinder an den Weihnachtsmann glauben, zudem eine detaillierte Beschreibung von Dumbledores Vorgehensweise, die Geschenke auszuliefern.
Da er Tausende von Haushalten zu beliefern hatte, benutzte der wohltätige Zauberer einen speziell vom Ministerium genehmigten Zeitumkehrer, mit dem er seine Arbeit während der wenigen Stunden zwischen Sonnenuntergang und Tagesanbruch erledigen konnte. Dank seiner großen Zauberkräfte konnte er auch ohne Tarnumhang nicht gesehen werden, sollte ein neugieriges Kind wach bleiben, um den Weihnachtsmann zu sehen. Und wie wusste er, wem wer welches Geschenk schenken sollte? Die Antwort gibt abermals das Buch: “Jedes Kind schreibt einen Wunschzettel, welchen die Hauselfen von Hogwarts abholen, es werden nur jene Wunschzettel berücksichtigt, die bis einschließlich 4. Advent ankommen. Danach werden die Geschenke ausgesucht und das Geld von den Gringotts-Verliesen der Eltern abgezogen.”

So haben wir also eine umfassende Antwort auf die Frage nach dem Weihnachtsmann bekommen, doch bleiben auch einige Fragen offen. Beispielsweise ist unklar, ob es wieder einen Nachfolger geben wird, jetzt, da das Geheimnis bekannt ist. Interessierte werden gebeten, sich bei Professor McGonagall zu melden, die das Amt abgelehnt hat.

Geschichtsforscher dagegen stellen sich die Frage, ob der „Mythos Weihnachtsmann“ erst von Dumbledore ins Leben gerufen wurde, oder ob er schon vorher existiert hat und nur von D. aufgegriffen wurde.
Aberforth Dumbledore dazu: “Zuzutrauen wäre es ihm, so etwas Verrücktes zu erfinden.”

Dumbledore als Weihnachtsmann

Sarah legte den Zeitungsartikel vorsichtig wieder zurück in den Schulkoffer und machte diesen zu. Dann hatte es den Weihnachtsmann also wirklich gegeben? Sie erinnerte sich daran, wie sie früher an ihn geglaubt hatte, aber dann – so mit sieben, acht Jahren – hatte sie geglaubt, das Spiel ihrer Eltern zu durchschauen, obwohl diese Stein und Bein geschworen hatten, dass es den Weihnachtsmann wirklich gäbe... Aber das bedeutete ja... dass Dumbledore einen Nachfolger gefunden hatte? Oder vielleicht auch schon einen zweiten, wenn man die vergangene Zeit bedachte. Und von diesem Gedanken aufgemuntert begab sich Sarah wieder hinunter zu ihrer Familie. Ihre Oma hatte sie zwar verloren – die konnte ihr auch der Weihnachtsmann nicht wiederbringen – aber immerhin hatte ihre Oma ihr noch vom Grabe aus ein Geschenk gemacht: Sie hatte Sarah den Glauben an den Weihnachtsmann zurückgegeben.

Weihnachten 2009 by Lacrimabilis