Adventskalender

21. Dezember

Noelia

«Noelia, erzähl noch einmal die Geschichte, wie du den Drachen im Dschungel gerettet hast!»
Noelia blickte auf. Vor ihr drängten zwei Jungen ins Wohnzimmer. Es waren die Geschwister ihrer Freundin Addison, bei der sie über die Weihnachtsfeiertage unterkam. Seufzend liess sie ihr Muggelkunde-Buch sinken. Schon seit ihr Austauschjahr in Hogwarts begonnen hatte, schien sie auf die Jüngeren eine magische Anziehungskraft auszuüben.
«Das habe ich dir doch schon zwei Mal erzählt, Corey.»
«Sid hat es noch nicht gehört.»
«Also gut, setzt euch hin.»

Es war wie jetzt Adventszeit, doch in Brasilien ist es auch dann sehr heiss und es fällt kein Schnee wie in Grossbritannien. Am letzten Tag vor den Ferien war ich mit dem Kräuterkundekurs im Regenwald unterwegs, in dessen Mitte sich die Schule Castelobruxo befindet. Da ich mich schon immer mehr für Tiere interessierte als für Pflanzen, vergass ich bald, nach welchen Blumen wir Ausschau hielten – oder waren es Farne? – und entfernte mich mehr und mehr von den anderen. Vorsichtig stapfte ich durch das Dickicht. Ein schillernder Vogel flog auf, als ich ihm zu nahe kam.
Die anderen waren schon ausser Hörweite, als ich eine Bewegung wahrnahm. Sofort blieb ich stehen. Erst konnte ich nicht einordnen, was es war. Doch dann bemerkte ich die zerfetzten, fledermausartigen Flügel und das schwarze Zackenmuster auf kupferfarbenem Grund. Ein Drache! Genauer gesagt ein Peruanischer Vipernzahn!
Wie versteinert starrte ich das Monstrum an. Eigentlich war er sehr klein, selbst für diese Drachenart, doch in diesem Moment kam er mir riesig vor. Mir schoss durch den Kopf, was wir über den Peruanischen Vipernzahn gelernt hatten. Er jagt mit Vorliebe Menschen, sein Biss ist hochgiftig und er ist schnell und wendig. Ich hatte keine Chance.
Als die Minuten jedoch vergingen und nicht nur ich, sondern auch der Drache sich nicht vom Fleck bewegte, verdrängte meine unstillbare Neugier für einen Moment die Angst. Soweit dies das knackende Unterholz erlaubte, schlich ich langsam näher, um einen besseren Blick zu erhaschen. Da sah ich, dass der Drache verwundet war. Seine Flügel waren so zugerichtet, dass ihm das Fliegen unmöglich war. Auch seine linke Seite und sein Hinterbein bluteten. Dabei war der Drache jung und noch nicht ausgewachsen. Schwerfällig hob er seinen Kopf und sah mich direkt an.
In diesem Moment wollte ich plötzlich viel lieber mit den anderen nach Farnen suchen.
Blitzschnell stolperte ich davon. Doch ich hatte keine Ahnung mehr, in welche Richtung ich gehen musste. Nach einer Weile entdeckte ich zerbrochene Äste und zerdrückte Pflanzen. Wenig später fand ich ein buntes Haarband, das mir an einer Mitschülerin aufgefallen war. Die anderen mussten hier gewesen sein.
Doch je länger ich der Spur folgte, desto unsicherer wurde ich. Schliesslich erspähte ich zwischen den Bäumen wieder den Drachen. Ich war im Kreis gelaufen!
Hinter mir hörte ich verhaltenes Gelächter. Ich fuhr herum. So sah ich gerade noch die rote Mähne des Caipora, bevor er hinter dem nächsten Baum verschwand.
Diese hinterhältigen Kreaturen! Ihre Aufgabe ist es, die Schule nachts zu beschützen, aber sie machen nichts als Ärger. Sie lieben es, falsche Pfade zu legen und so Leute in die Irre zu führen.
Ich hätte es wissen müssen.
Mein Blick glitt wieder hinüber zum Drachen. Ich bekam Mitleid mit ihm. Bestimmt wussten die Lehrer, wie man ihm helfen konnte. Ich musste ihn unbedingt melden.
Es dauerte eine Weile, doch dann tauchte endlich wieder die golden glänzende Pyramide vor mir auf, die ich schon vermisst hatte. Castelobruxo.
Ich stürmte hinein und fragte die erstbesten Schüler nach dem Lehrer für Magiezoologie. Sie schickten mich in den Esssaal, wo Professor Silva gegen Santiago aus der Siebten Zauberschach spielte. Ohne Begrüssung kam ich gleich zur Sache.
«Ich habe einen verletzten Drachen gefunden! Einen Peruanischen Vipernzahn!»
Der Lehrer sprang auf.
«Hier bei uns?»

Noelia legte eine Pause ein. Ihre Zuhörer sahen sie mit grossen Augen an. Sid war der erste, der etwas sagte.
«Und was habt ihr dann gemacht?»
«Wir haben das Zaubereiministerium kontaktiert.»
«Und die haben den Drachen geheilt?»
Corey antwortete Sid, bevor Noelia zu Wort kam.
«So einfach war das nicht. Es gab nämlich noch den anderen Drachen. Den ausgewachsenen.»
«Einen zweiten Drachen?»
Sid rutschte aufgeregt hin und her. Noelia schmunzelte.
«Corey, möchtest du vielleicht weitererzählen, wo du die Geschichte doch schon so gut kennst?»
Corey sprang auf und setzte eine dramatische Miene auf. Das flackernde Kaminfeuer hinter ihm legte sein Gesicht in Schatten, während er seine Erzählung mit wilden Gestiken unterstrich.

Er war so gross wie drei Erwachsene und hatte Giftzähne wie Säbel. Wie er da auf der goldenen Pyramide stand, laut brüllend mit den Vorderbeinen in der Luft, sah er aus wie ein alter indianischer Dämon. Noelia, Professor Silva und Santiago waren die einzigen, die sich nach draussen gekämpft hatten, während der Rest panisch in die andere Richtung gestürmt war.
Fassungslos starrte der Professor auf den Drachen. Er schaute auch nicht weg, als er murmelte: «Wer von euch kann apparieren?»
Santiago konnte es und bekam den Auftrag, dem Zaubereiministerium Bescheid zu sagen. Gerade als er verschwand, stürzte sich das zehn Meter grosse Ungeheuer auf die Gruppe. Noelia konnte gerade noch zur Seite springen und floh in Richtung Wald. Dadurch war sie vom rettenden Eingang der Schule abgeschnitten. Der Drache folgte ihr, doch er hatte seine Rechnung ohne die Caiporas gemacht. Mehrere bewarfen ihn mit Steinen, sodass er nicht mehr wusste, auf wen er sich stürzen sollte. Ein anderer holte einen Besen hervor, der nach einem Accio in Noelias Hand wechselte.
Sobald Noelia auf den Besen stieg, erhob sich auch der Drache in die Lüfte, und mit seinen ein Dutzend Metern verdunkelte er über ihr die Sonne. Noelia schaffte es gerade rechtzeitig zu entkommen, bevor er zuschnappte, und mit Karacho bretterte sie in den Weihnachtsbaum in der Eingangshalle.

«Das bin ich nicht», unterbrach Noelia.
«Der Drache war ein Dutzend Meter gross?» Sid starrte Noelia bewundernd an.
«Wahrscheinlich waren es eher vier. Der Peruanische Vipernzahn ist eine recht kleine Art.»
«In meiner Geschichte sind es ein Dutzend», beschloss Corey. Grinsend fügte er hinzu: «Und du bist in den Weihnachtsbaum gebrettert.»
Noelia lachte. «Wenn du meinst.»
In diesem Moment betrat Addison mit einem Tablett das Wohnzimmer. «Wer möchte alles Kakao mit Marshmallows?»
Corey und Sid sprangen auf und nahmen sich jeweils eine Tasse, mit der sie sich zurück an den Kamin setzten. Addison reichte Noelia ihre und setzte sich neben sie auf die Couch.
«Schaut mal, es schneit.»
«Ich mag Schnee nicht», fand Corey. «Ich wäre jetzt viel lieber in Südamerika im Dschungel, wo es immer schön warm ist.»
«Ich finde Schnee toll», meinte Noelia. «Bei uns kann man nie Schneemänner bauen oder Schlitten fahren. Und es ist eine ganz andere Weihnachtsstimmung, wenn man zusammen mit einer warmen Tasse Kakao am Kamin sitzt und sich Geschichten erzählt, während es draussen schneit.»
Da mussten ihr alle zustimmen.
«Noelia, kannst du das Ende erzählen?», bat Sid.

Santiago kam gerade zur rechten Zeit zurück. Drei Mitarbeiter der Tierwesenabteilung waren bei ihm, die viel Erfahrung mit Drachen hatten und die beiden einfangen konnten. Santiago half ihnen dabei. Auch der grosse Drache hatte Verletzungen an den Knöcheln und am Hals, aus denen sie schlossen, dass er von Tierhändlern gefangen worden war, die ihm Gewalt angetan hatten. Sie heilten sie, bevor sie sie in einem Reservat in den Anden wieder freiliessen.
An diesem Weihnachten dekorierten wir den Esssaal mit Lichterketten aus Peruanischen Vipernzähnen. Es war das erste Mal, dass ich ein Weihnachtsgeschenk von Professor Silva bekam - ein illustriertes Fachbuch über Drachen, in dem ich immer noch gerne blättere.
Santiago arbeitet übrigens inzwischen für die Tierwesenabteilung. Vielleicht werde ich das eines Tages auch tun.

Corey blickte nachdenklich in das Kaminfeuer. «Meinst du, wir finden auch einmal einen verletzten Drachen im Verbotenen Wald?»
«Vielleicht, wer weiss.»
«Ich bin jedenfalls dafür.»

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