Adventskalender

12. Dezember

Eisblumen

"Oh nein, war das wieder eine Stunde!" Seamus kickte missmutig den kleinen Gummiball gegen eine Rüstung, von wo er mit lautem Klonk abprallte und den Gang hinunterkullerte.
"Und die Hausaufgaben erst, die die alte Vogelscheuche uns aufgetragen hat", stöhnte Dean, "ich weiß echt nicht, wer in Hogwarts die größere Schreckschraube ist. Die oder die alte Pince."
"Accio Ball", sagte Seamus, wartete, bis der Flummi angesaust kam und drosch ihn erneut den Korridor hinunter. Diesmal erwischte es den Hut eines Schülers, der in einem Pulk Zweitklässler stand und Froschkarten tauschte.
" … hey, was soll das, du Idiot?", maulte der Junge und schob sich den Spitzhut wieder zurecht.
"Prima Treffer, Seamus", grinste Dean, " jedenfalls …."
"… sollten sich die beiden jungen Herren besser zu benehmen wissen", tönte eine Stimme hinter ihnen.
"Äh, hast du was gesagt, Parvati?", fragte Dean und drehte sich lässig nach der kleinen Mädchengruppe um, die schnatternd den Gang hinunter kam.
"Ach nee, Thomas, der Unterricht vorhin hieß ′Wahrsagen′, nicht ′Wassagen′", kicherte Lavender, "aber ich kann dir ja mal deine Zukunft voraussagen" und griff sich Deans Hand, der wie die anderen Jungen im Gang stehen geblieben war.

"Iiieeh, bloß nicht! Was die alte Fledermaus aus ihren Teeblättern herausliest, ist schon grausig genug", jammerte Dean, schaute aber genüsslich zu, wie Lavenders Fingerspitzen an seinen Handlinien auf- und abwanderten.
"Also, ich muss doch wirklich bitten! Alte Fledermaus? Vogelscheuche? Welch schändliche Ausdrücke gegenüber einer Dame!" Die Schüler sahen sich erstaunt an, dann drehte sich die ganze Gruppe zu der Wand des Korridors um.
"Oh nein, nicht der schon wieder", hörte man von hinten Neville murmeln.
"Ah, welch eine Ehre!", sagte Seamus schleimig und verneigte sich mit einem übertrieben Kratzfuß vor dem Bild.
"Sir Cadogan, zu Diensten", erwiderte der kleine Ritter und verneigte sich so tief, wie es seine Rüstung zuließ. "Das ist schon viel besser, werte Damen und werte Herren", fuhr er fort, wobei er sich Mühe gab, seine Verbeugung von eben an Tiefe noch zu überbieten.


"Es trifft sich gut, Herr Cadogan, dass diesen frechen Schnöseln endlich jemand Benehmen beibringt", ließ sich Lavender vernehmen und machte vor Dean, ohne dessen Hand loszulassen, einen Knicks. "Wollt Ihr nicht als Knappe bei Sir Cadogan in die Lehre gehen, edler Herr Thomas? Nötig hättet Ihr es gewiss."
"Mit größtem Vergnügen, Mylady Lavender, unter der Bedingung, dass Ihr mein Burgfräulein wärt", säuselte Dean, führte seine Hand, die sich nach wie vor in privatem Wahrsageunterricht befand, zum Mund und schleckte der Länge nach über Lavenders Handrücken.
"Bäääh, Dean, du Ferkel!" kreischte Lavender und zerrte ihre Hand aus Deans Umklammerung. "Da seht Ihr es, Sir Cadogan, so gehen heutzutage Jungs mit uns armen Mädchen um!", giftete Lavender in Richtung des Bildes und wischte sich angeekelt den Sabber an ihrem Umhang ab.
"Was hast du gegen die Zunge eines Jungen einzuwenden, Lavender?", fragte Dean scheinheilig.
"Vielleicht hat ihr nur die Stelle nicht behagt!", johlte Seamus und patschte seinem Freund wiehernd die Hand auf die Schulter.
"Ha, ha, haaa….", ließen sich die Mädchen im Chor vernehmen, während Seamus sich mit dem Zauberstab sauertöpfisch die herabtropfende Fluchtinte aus Gesicht und Haaren entfernte.
"Aber, aber, meine jungen Freunde, etwas mehr Anstand bitte", mischte sich Sir Cadogan ein. "Gutes Benehmen ist die Zier aller jungen Damen und Herren und Zaubern auf dem Gang ist nach wie vor verboten. Auch wenn wir Bewohner der Bilder schon lange tot sind, haben wir nicht die Pflicht und Aufgabe vergessen, den jungen Schülern Hogwarts ein Vorbild an Anstand, Edelmut und Ritterlichkeit zu sein", sagte Sir Cadogan würdevoll und warf sich respektheischend in die Brust.

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