Adventskalender

11. Dezember

Im Birkenwald

Es war einmal ein junger Birkenwald, in dessen Mitte stand eine Birke, die genauso aussah wie alle anderen Birken um sie herum. Sie war genauso schlank wie die Birken um sie herum, genauso hoch, hatte das gleiche feingesponnene Blätterdach, das im Herbstwind golden rauschte. Sie schien sich durch nichts von ihren Artgenossen zu unterscheiden. Ja, nicht einmal sie selbst wusste, dass sie sich von ihnen unterschied, denn das tat sie. Es waren subtile Unterschiede; den selten vorbeikommenden Wanderern fielen sie meistens gar nicht auf, aber sie waren da. Ihr Rauschen schien melodischer als das der anderen Bäume; wenn man ganz genau hinhörte, meinte man, eine Melodie zu erkennen, die seltsam vertraut schien. Doch welche Melodie das war oder woher man diese kannte, das konnte keiner benennen. Wenn im Sommer das Sonnenlicht durch ihr Blätterdach drang, so erreichte es die Wurzeln nicht in einem gedämpften, grünen Farbton wie bei ihren Nachbarn, sondern nahm eine unwirkliche, aus sich selbst strahlende Qualität an, die sich kaum beschreiben ließ.

Doch selten genug kamen Menschen vorbei, die sich die Zeit nahmen, auf solche Unterschiede achtzugeben, oder gar fragten, wie dies sein könne. Noch seltener ließ sich ein Mensch unter dieser Birke nieder, um sich auf dem angenehm warmen Moosbett zu ihren Füßen auszuruhen. Wenn dies doch einmal geschah, so waren es meist Kinder und niemand schenkte ihnen später Glauben, wenn sie über die seltsamen Dinge berichteten, die ihnen unter diesem Baum widerfahren waren. Denn das eigentlich Außergewöhnliche waren nicht all diese Phänomene, die sicherlich schon wunderlich genug waren, nein, denn Menschen, die sich unter diesem Baum niederließen, fielen in einen leichten Schlaf ...

Nun hat man schon viel gelesen über Bäume, die ihre Opfer einschläferten und dann allerhand Schabernack mit ihnen trieben, doch unsere Birke war nicht so. Sie war ein sehr sanfter und sozialer Baum, sie liebte es, im Einklang mit den anderen jungen Birken um sie herum ihr Blätterdach im Wind sacht rauschen zu lassen. Gern spendete sie vorbeikommenden Tieren und Menschen Schatten und nahm sie, während sie dort schliefen, in ihren Schutz. Kinder berichteten von abenteuerlichen Dingen, die sie dort schlafend erlebt hatten. Manche hatten an Elfenprozessionen und ausgiebigen Gelagen im Kerzenschein teilgenommen, andere waren mit Hexen um die Wette geflogen. Aber nicht mit solchen hässlichen und gemeinen Hexen wie man sie aus Hänsel und Gretel und derlei Märchen kennt, nein, diese Hexen waren freundlich und den Kindern wohlgesonnen gewesen. Wenn auch nicht eine jede von ihnen jung und schön gewesen war, so hatte doch ihr freundliches Lachen die Runzeln und Falten überdeckt und ihren Gesichtern ein liebenswürdiges Ansehen verliehen. Wieder andere befanden sich in ihren Träumen unter Wasser und folgten dort Fischschwärmen zu unterseeischen Banketten mit den Meermenschen. Doch niemals, niemals träumte jemand von Reichtum, Macht und Erfolg, denn davon hielt die Birke wenig. Manchmal fanden die Menschenkinder Reste ihrer Träume beim Aufwachen wie einen blumig schmeckenden Kuchen, Reisig oder salzig riechenden Seetang. Doch selbst diese handfesten Hinterlassenschaften der Träume ihrer Kinder konnten die Eltern nicht überzeugen. Typisch Erwachsene versuchten sie ihre Kinder davon zu überzeugen, dass es sicherlich für alles eine ganz rationale Erklärung gäbe. Die Birke aber lachte nur leise darüber.

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