Adventskalender

9. Dezember

Ein Brief für Rose

Mittwoch 6. September

Rose lag in ihrem Bett. Es herrschte eine fast unheimliche Stille im Schlafsaal. Immerhin war es bereits mitten in der Nacht. Sie selbst hätte schon seit Stunden schlafen sollen. Doch irgendwie wollte sich der Schlaf nicht einstellen.
Gestern war ein Brief ihrer Mutter gekommen. Rose wollte ihr schreiben. Doch was?
Immer wieder hallten die Worte des Sprechenden Hutes durch ihren Kopf.
Immer wieder erlebte sie es von neuem.
Immer wieder wurde ihr erneut bewusst, dass sie nicht in Gryffindor war.
Ravenclaw.
Gehörte sie wirklich hierher?
Wollte sie nicht schon immer so mutig sein wie ihre Eltern?
Ihre Eltern waren mutig. Rose liebte die Geschichten, die ihr Vater ihr manchmal erzählte. Natürlich nur, wenn ihre Mutter nicht in der Nähe war.
Auch hier in Hogwarts waren die Namen Ron und Hermine Weasley bekannt.
Es war schon immer Rose größter Wunsch gewesen, ebenso stark zu werden.
Nun war es ihre größte Angst, ihre Eltern zu enttäuschen.
Sie drehte den Brief in der Hand. Es raschelte leise.
Bisher hatte sie es noch nicht einmal gewagt, ihn zu öffnen. Rose schob den Vorhang etwas beiseite und legte den Brief auf den Nachtschrank. Sie würde ihn morgen lesen.

Donnerstag, 12. Oktober

Rose saß an einem Tisch im Gemeinschaftsraum. Konzentriert arbeitete sie an Ihren Hausaufgaben.
Warum mussten sie die Lehrer so damit überhäufen? Wenn das so weiter geht, würde sie die ganze Nacht noch daran schreiben.
Wie in den letzten Wochen konnte sie nichts dagegen tun, dass ihr immer wieder folgender Gedanke kam: ′Und du willst hierher gehören? Zu den Ravenclaws?′
"Hi, kommst du auch nicht weiter?"
Rose schrak zusammen, als sie die Stimme von Margarete neben sich hörte.
"Ja. Dieser Aufsatz ist wirklich sehr langweilig." Sie wunderte sich, dass sich das blonde Mädchen zu ihr setzte. Bisher hatten sie nur sehr wenig miteinander geredet. Ab und an hatten sie zusammen in Zaubertränke an einem Kessel gearbeitet. Aber Freunde hatte sie bisher keine gefunden.
Noch ein Grund, warum sie sich nicht zugehörig fühlte.
"Ja, ich dachte eigentlich auch, dass man in Zauberkunst zaubert und nicht um die Wette Aufsätze schreibt", Rose musste lachen und so fuhr Margarete fort: "Hast du schon gehört, was in Zauberkunst passiert ist? Dort war letztens eine junge Hexe auf Probe. Ein Fünftklässler soll eine Maus eingeschmuggelt und im Unterricht frei gelassen haben. Die Hexe soll man noch im ganzen Stock vor Angst kreischen gehört haben."
Die beiden erzählten sich noch eine Geschichte nach der anderen. Irgendwann wurden sie von einem Vertrauensschüler gebeten, doch ins Bett zu gehen.
Rose nahm ihre Bücher.
Etwas fiel heraus.
Ein kleiner Brief auf dem mit sauberer Schrift geschrieben stand: ′Für Rose′
Es war der Brief Ihrer Mutter, den sie schon seit einem Monat lesen wollte. Aber heute war es zu sät.
Sie würde ihn morgen lesen.

Samstag, 18. November

Rose blinzelte noch einmal, als sie in die Große Halle trat. Sie hatte heute sehr lange geschlafen und hätte beinahe das Frühstück verschlafen. Sie hatte gestern noch bis in die Nacht hinein gelernt. Doch wie sollte sie sonst mithalten?
Zielstrebig ging sie auf Margarete und die anderen Mädchen zu. Sie hatten sich in den letzten Wochen etwas besser verstanden. Vielleicht würden sie ja Freundinnen werden. Doch Rose durfte die Hausaufgaben nicht außer Acht lassen.
Was, wenn sie am Ende durch die Prüfungen fallen würde? Wurde nicht von einem Ravenclaw erwartet, dass er mit Bestnoten aus den Prüfungen hervorging?
Aber irgendwie kam sich Rose so langsam vor. Vielleicht sollte sie sich einfach noch mehr anstrengen?
Irgendjemand hatte mal gemeint, dass sich der Sprechende Hut noch nie geirrt hätte. Jedoch ist er auch schon unglaublich alt. Vielleicht hatte er sich bei Rose ja wirklich vertan.
Sie hob ihren Umhang an, um sich zum Frühstück zu setzen.
Etwas raschelte in der Tasche.
Sie schaute hinein und fand den Brief ihrer Mutter.
Sie hatte ihn immer noch nicht gelesen.
Sie hatte immer noch nicht darauf geantwortet.
Sie haute auch heute keine Zeit dafür.
Sie würde ihn morgen lesen.

Montag, 25. Dezember

Schnaufend kam Rose in den Gemeinschaftsraum und durchquerte ihn zielstrebig in Richtung Schlafsaal. Es hatte den ganzen Tag geschneit und nach der Schneeballschlacht eben war sie komplett durchnässt.
Oben angekommen suchte sie sich neue Sachen.
Als sie gerade nach frischen Socken fischte, bekam sie Pergament zu fassen.
Es war der Brief ihrer Mutter. Er war mittlerweile schon reichlich geknittert.
Wann hatte sie Ihn noch einmal bekommen?
Kurz nach ihrer Ankunft in Hogwarts.
Sie hatte sich bis heute nicht getraut, ihn zu öffnen.
Sicherlich wusste ihre Mutter von Hugo, dass sie in Ravenclaw war und dass es ihr gut ging.
Doch nach diesem war kein anderer Brief gefolgt. Rose hatte sich keine weiteren Gedanken gemacht. Es war vorher bereits abgesprochen, dass sie über Weihnachten in Hogwarts bleiben würde.
Sie hatte Angst.
Waren Ihre Eltern enttäuscht?
Sollte sie den Brief wirklich lesen?
Doch nun war ihre Neugierde stärker.
Sie öffnete den Brief und zog vorsichtig das gefaltete Pergament heraus. Die zarte Handschrift ihrer Mutter war ihr so vertraut wie ihre eigene.

Liebste Rose,
ich hoffe dir geht es gut.
Mich hat soeben die Nachricht von deinem Bruder erreicht, dass dich der sprechende Hut nach Ravenclaw geschickt hat.
Ich kann dir gar nicht sagen, wie stolz mich das macht.
Ich werde dir nun ein Geheimnis verraten.
Auch ich sollte zuerst nach Ravenclaw gehen. Doch ich hatte Angst. Ich war mir nicht sicher, ob ich in das Haus der ′weisen′ Schüler passte. Nur auf mein Bitten und Drängen hat er nachgegeben und mich nach Gryffindor geschickt.
In meiner gesamten Schulzeit wurde ich immer wieder gefragt, warum ich nicht nach Ravenclaw gekommen bin.
Mir ist erst, seit ich dich kenne, bewusst geworden, was es wirklich heißt, gelehrsam zu sein. Ich weiß, dass es dir in Hogwarts nicht so leicht fallen wird, wie manch anderen. Doch ich kann mir keinen anderen vorstellen, der besser in das Haus Ravenclaw passt, wie du.
Ich wollte dir eine wichtige Sache mit auf den Weg geben:
Egal was andere über dich sagen, ob Schüler, Lehrer oder Noten, ich liebe dich genau so, wie du bist.

In Liebe
Deine Mutter

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