Adventskalender

16. Dezember

Von Plätzchen, Ploppen und anderen Katastrophen

Draußen rieselte leise der Schnee auf die Straße, von der nicht mehr viel zu sehen war. Eine dicke Schneedecke begrub fast alles unter sich. Am Ende der Straße stapfte eine in einen dicken, flauschigen, dunkelgrünen Umhang gehüllte Dame schnellen Schrittes durch den tiefen Schnee. Weiße Flocken, die durch die Luft wirbelten, fielen auf ihren Umhang und färbten ihn langsam aber sicher weiß. Unter ihrem Arm trug sie eine durchnässte Einkaufstüte, die nicht sehr stabil zu sein schien. Die Sicht war nicht die beste und doch ließ sich die Frau nicht beirren. Aus ihrer Handtasche zückte sie etwas, das nicht zu sehen war, und murmelte Unverständliches. Die Haustür sprang auf und sie beeilte sich hinein, endlich raus aus diesem grässlichen Sturm.

Erschöpft zog Minerva ihren nun völlig nassen Umhang aus und schmiss ihn auf den Schaukelstuhl. Die Katze, die seelenruhig dort geschlafen hatte, sprang auf und fauchte sie an. Anschließend trottete sie beleidigt zum Kamin, in dem ein gemütliches Feuer loderte. „Ach, Mina, sei doch nicht so eine Spielverderberin!“ Sie lächelte. Diese Katze war seit Jahren ihr Haustier. Sie hatte sie genauer gesagt am Tag ihres Rücktritts als Schulleiterin von Hogwarts aufgelesen und zu sich mitgenommen. Sie lächelte gedankenverloren weiter. Ja, früher war doch wirklich alles besser! Plötzlich fiel ihr ein, dass sie noch Unmengen an Arbeit vor sich hatte. In knapp zwei Stunden würden die ersten Gäste eintreffen!
Verzweifelt sah sie Mina an, die ihr noch immer das Hinterteil zudrehte. „Hopp, auf in die Küche, du faules Mädel!“, rief sie und ließ die sich sträubende Katze dank eines Zauberspruches hinter sich her schweben.

Ein Fremder, der die Straße entlang gelaufen wäre, hätte möglicherweise gedacht, dass das Häuschen leer steht. Doch so war dem nicht. In der Küche flogen die Fetzen... oder eher Zutaten: eine Mehlpackung flog blind in den Backofen hinein und kam nicht mehr raus. Die Eier zerkloppten sich um den Ehrenplatz im Karton, bis einer einen Sprung hatte. Zucker, Kakao und Zimt fingen an, sich zu vermischen. Die Milch fror so stark, dass sie sich weigerte, ihren Deckel abzugeben. Mina schaute dem ganzen Theater argwöhnisch und auf Distanz zu – was hatte ihre Herrin da bloß wieder angestellt?
„Ach, du meine Güte“, seufzte Minerva. „Ich bin wohl ein wenig aus der Übung, was das Zaubern angeht!“ Ein Kichern ertönte durch die Küche.

„Poppy! Du bist schon da? Das Festessen beginnt doch erst in ein paar Stunden! Mensch, ist das lange her, als ich dich zum letzten Mal gesehen habe.“ Die beiden älteren Damen fielen sich um den Hals, in Madam Pomfreys Augen glitzerten Tränen. „Weißt du, meine Liebe, du hast dich kaum verändert. Entschuldige übrigens für die ganze Asche im Wohnzimmer... Du weißt ja, ich bin nicht mehr die Jüngste und Flohreisen sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren.“
Poppy schaute sich mit großen Augen das Chaos in der Küche an und befreite erstmal das Mehl aus dem Backofen. „Mach du erstmal den Plätzchen-Teig, ich kümmere mich um den Rest!“ Und so kochten, backten, brieten und frittierten die beiden Damen schwatzend und lachend das Abendessen. In der Zwischenzeit hatte man auch die Milch überredet, ihren Deckel freizugeben und so stand den Plätzchen nichts mehr im Wege. Wie durch Zauberhand deckte sich der Tisch, falteten sich die Servietten und polierte sich das Silberbesteck. Als das Essen vor sich hinbrutzelte, beschlossen sie, den Weihnachtsbaum zu schmücken. Sie hingen glitzernde Glaskugeln an die Zweige und umschlangen sie mit Lametta-Schleifen. Am Ende kümmerten sie sich noch um den Stern, der ganz nach oben sollte. Leider waren die Damen natürlich viel zu klein dafür. Sie sahen sich kurz an und fingen dann an, laut loszulachen. Auch als sie noch in Hogwarts waren, ergab sich immer dieses lästige Problem, bis Filius, der deutlich kleiner war als sie, den Stern hinauf beschwören musste.

Wenn man vom Teufel spricht... Schon stand der kleine Mann in der Türschwelle und wischte sich die Asche vom Umhang. „Ach, was duftet denn hier so gut? Sind es etwa die Popp′schen Plätzchen, die im Ofen frisch hoch backen?“ Seit die Damen ihn das letzte Mal gesehen hatten, war sein Bart deutlich gewachsen und erinnerte jetzt ein bisschen an Dumbledores. Wäre er noch am Leben, würde auch er wahrscheinlich an diesem besonderen Tag erscheinen... Eine seltsame Stille erfüllte den Raum. Durchbrochen wurde sie von einem seltsamen Ploppen. Jemand war in die Mitte des Raumes appariert... Wer hätte es gedacht? Argus Filch, der ach so grimmige Hausmeister, stand in einem schicken Frack vor den drei ehemaligen Lehrern, an seiner Seite eine hübsche Frau. Minerva sah ihn verwundert an, hatte sie doch gedacht, dass er nicht erscheinen würde. „Argus, mein Lieber! Du hast die Einladung ja doch gekriegt! Weißt du, meine Eule ist ein wenig ... wie soll ich sagen? Verwirrt, seit sie meiner Katze begegnet ist. Wer ist denn diese schöne Dame?“ Filchs Kopf wurde rot und er nuschelte etwas, was wohl niemand verstehen sollte. „Wie bitte?“, fragte Poppy nach. „Das ist meine Ehefrau. Darf ich vorstellen? Ermina Erdwich.“

Noch immer schneite es draußen, doch dies fiel den Menschen im Inneren des Hauses nicht auf. Das Feuer sorgte für eine weihnachtliche Atmosphäre, während sie sich unterhielten. Sie schwatzten über die guten, alten Zeiten, über die Schüler, die sie früher so aufgeregt hatten, über alles und nichts. Plopp. Mitten im Raum stand Pomona Sprout, ihr Gesicht war mit Falten überzogen und doch hatte sie ihre freundliche Miene nicht eingebüßt. „Entschuldigt meine Verspätung, ich bin aus Versehen in das Haus des Nachbarn appariert... Na, der hat vielleicht Augen gemacht!“ Auch sie entsorgte ihren Umhang. Da nun alle Gäste anwesend waren, setzten sich alle an den weihnachtlich dekorierten Tisch. Der Braten duftete köstlich und natürlich waren auch Pfefferminzbonbons für alle da – diese Tradition hatte sich auch ohne Albus Dumbledore fortgesetzt. Mina hatte es sich wieder vor dem Kamin gemütlich gemacht und schlief, wie so oft, seelenruhig. Aus dem Esszimmer drang Gelächter, Geschwatze und gute Laune. Sogar der früher so miesepetrige Argus lachte laut auf, als Mister Flitwick die Geschichte von Seamus Finnigans erste Verwandlung – oder besser gesagt Explosion – erzählte. „Und dann ... BOOM! War die Hälfte seine Augenbraue weg“, erzählte er unter Lachtränen. Es war schon fast Mitternacht, als sie endlich mit dem Essen fertig waren.

Minerva befahl allen, sich zum Weihnachtsbaum zu begeben – es war Zeit für die Bescherung. Dutzende von Päckchen stapelten sich unter dem schön dekorierten Baum, als warteten sie nur darauf, aufgemacht zu werden. „Das erste Päckchen ist für... oh, für mich. Danke, Poppy, wie aufmerksam von dir.“ Als sie an der Schleife zog, öffnete sich das Paket von selbst. Heraus kam ein Buch mit dem Titel „Wie bringe ich meiner Katze das Fliegen bei?“. Wieder brach Gelächter aus. „Na, Mina, wann probieren wir es aus?“ Die Katze streckte sich nur und trottete von dannen.
Schnell waren alle Päckchen verteilt und wurden mit Freude geöffnet. Für Poppy gab es einen Heilpflanzenkoffer. Filius erhielt eine ordentliche Leiter, damit er nächstes Jahr den Stern ohne Zauberkraft aufhängen konnte. Argus bekam ein nettes, kleines Fläschchen mit magischem Intensivputzmittel, denn auch nach solch einer langen Zeit war er noch immer der Hausmeister Hogwarts′. Dazu erhielt er ein Album mit sich bewegenden Fotos seiner verstorbenen Katze, Mrs. Norris. Auch Ermina öffnete fleißig Päckchen und strahlte über das ganze Gesicht. Und Mina? Nun, sie erhielt ein spezielles Geschenk... Ein brandneues, beheiztes Schlafkissen, das sie sofort ausprobierte.

Den Abend ließen die ehemaligen Kollegen und nun besten Freunde mit unterhaltsamen Gesprächen, lustigen Witzen, Eierlikör und Feuerwhisky ausklingen. Erst früh am nächsten Morgen verabschiedeten sie sich voneinander und versprachen, auch nächstes Jahr das Fest der Liebe gemeinsam zu verbringen. Als auch der letzte Gast nach Hause gegangen war, seufzte Minerva McGonagall zufrieden. Es war schön, Weihnachten mit den liebsten Freunden verbringen zu dürfen. Lächelnd setzte sie sich auf ihren Schaukelstuhl, nahm die schnurrende Mina auf ihren Schoß und lehnte sich zurück. Langsam fielen ihr die Augen zu und sie schlief mit einem leckeren Plätzchenduft in der Nase und dem Lodern des Feuers im Ohr ein.

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