Adventskalender

14. Dezember

Weihnachten bei Malfoys

Draco Malfoy starrte auf das Pergament in seiner Hand. Er saß gerade mit seiner Frau am morgendlichen Frühstückstisch, und soeben war die Post eingetroffen. Neben einigen geschäftlichen Angelegenheiten - Draco hatte sich nach dem Krieg eine neue, auf überwiegend legalen Geschäften basierende Existenz aufgebaut - war darunter auch ein Brief seines Sohnes. Scorpius war dieses Jahr nach Hogwarts gekommen und die Tatsache, dass relativ wenig Post von ihm kam, bedeutete wohl, dass es ihm dort entweder besonders gut oder besonders schlecht ging. Sein Sohn war ein Lebenskünstler, dachte Draco, er kam mit unbekannten Situationen gut zurecht, also war es eher nicht das Unwohlsein, was ihn so wenige Briefe schreiben ließ. Doch dieser eine hier...
"Draco?", fragte Astoria, indem sie ihre Hand auf seine legte.
"Hm?", fuhr Draco aus seinen Überlegungen hoch. "Hier, lies." Er reichte Astoria den Brief.

"Hallo Mum, Dad!", las sie vor.
"Wie ihr (hoffentlich!) wisst, kommen wir morgen mit dem Hogwarts-Express zurück nach London, für die Weihnachtsferien. Ich habe da eine Frage: Darf Lennart mitkommen? Er hat noch nie ein Weihnachten mit Zauberern gefeiert, und ich halte es für meine Pflicht, diese Wissenslücke zu schließen und seinen Erfahrungsschatz zu erweitern. Und nein, Lennart wird nicht in Hogwarts bleiben, wo rein gar nichts los ist. Da bleiben mittlerweile nur noch die, die sonst nirgendwo hin können. Das wäre gar nicht nett, ihn dort zurück zu lassen, und ihr habt mir immer beigebracht, sozial zu sein. Außerdem, so anders als wir ist seine Familie gar nicht, sie schreiben sich sogar richtige Post, also so wie wir, mit Eulen! Und so ein Gästezimmer ist ja schnell zurechtgemacht. Also, bis morgen! Scorpius H.M. (und Lennart)"

Astoria ließ den Brief sinken, den Mund vor Erstaunen geöffnet. Dann lachte sie laut los. Etwas gereizt nahm Draco den Brief wieder an sich. Das war doch nicht lustig, was sein Sohn sich da erlaubte! Scorpius hatte nicht einfach so zu bestimmen, wen er, Draco Malfoy, in sein Haus einzuladen hatte. Gut, er hatte die Frage "Darf Lennart kommen" gestellt, aber es wäre eine Illusion zu glauben, dass Scorpius seinen Willen nicht vehement durchsetzen wollte.
"Draco", lenkte Astoria seine Aufmerksamkeit wieder auf sich. Seit einigen Jahren war Draco nachdenklicher geworden und verschwand manchmal für einige Zeit in seinen Überlegungen, für die Außenwelt unerreichbar. Nur Astoria hatte weniger Schwierigkeiten, seine Aufmerksamkeit dann zu fokussieren, und so sprach sie jetzt weiter: "er weiß sehr gut was er will. Das wusste er schon immer." Sanft blickte sie in seine Augen. "Du kannst ihm den Wunsch nicht verwehren."
Etwas gereizt winkte Draco ab. "Der Junge ist ein halber Muggel."
"Der Junge ist immerhin in Hogwarts."
"Er ist fremd in unserer Welt."
"Seine Eltern schreiben Eulenpost. Das ist bei Muggeln nicht üblich. Er ist vielleicht nicht so fremd, wie du jetzt glaubst.
Und außerdem,", trumpfte Astoria auf, "er ist muggelgeboren, und trotzdem in Slytherin gelandet. Willst du einen solchen Jungen nicht auch kennenlernen?"
Sie hatte ja recht. Er wollte diesen Jungen kennenlernen, der es trotz seiner Abstammung geschafft hatte, nach Slytherin zu kommen, und sich dann noch mit seinem Sohn anzufreunden. Aber es wurmte ihn, dass Scorpius diese Entscheidung einfach so über seinen Kopf hinweg getroffen hatte. Der Junge war viel zu selbstständig für sein Alter, viel zu eigenmächtig in seinen Entscheidungen. Er war im Herbst erst zwölf geworden! In dem Alter hatte Draco noch am Rockzipfel seines Vaters gehangen, war auf Potter und Weasley alias Crabbe und Goyle hereingefallen und hatte Granger ein Schlammblut geschimpft.
Scorpius dagegen hatte sich gleich in seinem ersten Jahr mit einem Muggelgeborenen angefreundet, hatte darauf verzichtet einen Kleinkrieg mit den neuen Potters und Weasleys anzufangen und traf dann Entscheidungen, die zu treffen Draco sich in diesem Alter nie gewagt hätte. Vielleicht war das eine Nebenwirkung der Friedenszeiten, aber Scorpius war viel zu vernünftig, ohne dabei die Malfoy-Slytherin’sche Gerissenheit missen zu lassen.
Nun gut, dachte Draco, vielleicht war das auch auf die gute Erziehung zurückzuführen. Er straffte seine Haltung, und bezeugte Astoria mit einem knappen Nicken seine Zustimmung. Der Junge durfte kommen.

Am nächsten Tag wartete das Ehepaar Malfoy etwas abseits der meisten anderen Eltern an Gleis 9 ¾ von Kings Cross Station auf ihren Sohn und dessen Freund. Noch am Vortag hatten sie eine Eule zur Bestätigung geschickt. Während Draco seine übliche höflich-unverbindliche Maske aufgesetzt hatte, zeigte sich auf Astorias Gesicht die Vorfreude darauf, den Sohn wiederzusehen.
Zur erwarteten Zeit fuhr der rote Zug ein, und die Schülerschar, die meisten hatten die Schuluniformen schon ausgezogen, strömte auf den Bahnsteig. Nach einiger Zeit, als die Menge sich schon ein wenig gelichtet hatte, kamen Scorpius und Lennart auf Draco und Astoria zu. Im Gegensatz zu den meisten anderen Kindern und Jugendlichen gingen sie gesitteten Ganges, und Scorpius bemühte sich, sein breites Grinsen mögstlichst als freudiges Lächeln auszugeben, während Lennart höflich-interessiert, wenn auch ein klein wenig zu neugierig schaute. Draco sah seinen Sohn etwas mahnend an, dann nahm er ihn aber doch kurz in den Arm. Nachdem Scorpius auch seine Mutter begrüßt hatte, stellte er ihnen Lennart vor: "Mum, Dad, das ist Lennart Bailey. Lennart, das sind meine Eltern, Draco und Astoria Malfoy."
Lennart lächelte, gab erst Astoria die Hand - "Freut mich, Sie kennenzulernen, Mrs. Malfoy." - und dann Draco "Mr. Malfoy"
Draco zollte ihm insgeheim Achtung. In einer unbekannten und unberechenbaren Situation waren Manieren das Beste, worauf man sich besinnen konnte. Und Manieren schien der Junge zu haben.
"Die Freude ist ganz unsererseits.", sagte Draco mit der Andeutung eines Lächelns und rief dann nach einem Hauselfen, der das Gepäck der beiden Jungen ins Manor transportierte.
Lennart zeigte sich erstaunlich gefasst, auch wenn ihm solche Dinge wie Hauselfen oder auch einfach nur die schiere Größe des Manors ziemlich fremd sein müssten. Dort angekommen, verschwanden die beiden Jungs lärmend in den Gängen - wenn kein Besuch da war, hatte Draco nichts dagegen, dass sein Sohn seiner Lebensfreude auf diese Weise Ausdruck verlieh.

Die ersten Tage verliefen relativ ereignislos. Draco hatte erwartet, mit Lennart einen kleinen, hilflosen, ständig staunend um sich blickenden halben Muggel ins Haus zu holen, aber der Junge hatte echt Nerven. Vielleicht hatte er auch in den paar Monaten Hogwarts schon eine Menge aus der magischen Welt mitbekommen - wie Draco später erfahren hatte, hatten Scorpius und Lennart schon einen kleinen Ausflug in die Schulküche gemacht -, viel wahrscheinlicher war aber, dass Lennart ebenso wie Scorpius ein Lebenskünstler war, und sich sehr gut auf die neue Situation eingestellt hatte, in einem Hogwartshaus gelandet zu sein, in dem Tradition eine wichtige Rolle spielte.

Kritisch wurde es, als Tolly, eine der ältesten Hauselfen des Manors, am Vorabend von Weihnachten beim Auftragen eines Mittagsmahls Lennart ansichtig wurde. Unglücklicherweise hatte dieser gerade in diesem Moment von "Spülmaschinen" erzählt, und die ganze Familie Malfoy hing an seinen Lippen, um zu verstehen was die Muggel da erfunden hatten, um die Magie zu ersetzen. Es war wirklich spannend, fand Draco, ohne es gegenüber anderen als sich selbst zuzugeben. Der Elf ließ durch ein Zusammenzucken, ein abfälliges Schnauben, eine Grimasse und die gemurmelten Worte "Schlammblüter in Malfoy Manor. Welch eine Schande für dieses edle Geschlecht!" erkennen, dass er es äußerst missbilligte das Wort "Muggel" in einem anderen Tonfall als einem verachtenden zu hören und erst recht, einen Muggelgeborenen ebenso bewirten zu müssen wie die hohen Herrschaften. Draco bemerkte es. "Tolly,", sagte er mit scharfer Stimme, "du wirst Lennart hier ebenso formvollendet behandeln wie jeden anderen von uns." Tolly krächzte ein "Ja Meister" mit einer angedeuteten Verbeugung, und apparierte dann zurück in die Küche, einen verärgerten Draco und einen verwirrten Lennart hinter sich lassen, während Astoria und Scorpius wissend aussahen.
Draco ärgerte sich. Er wollte ein guter Gastgeber sein, wollte, dass seine Familie bei Lennart einen guten Eindruck hinterlies. Warum, das wusste er nicht, vielleicht lag dem das Bewusstsein zugrunde, dass gerade seine Familie sich nach dem Krieg, auch jetzt noch, besonders vorbildlich verhalten musste. Vielleicht, sagte ein kleinerer Teil in ihm, wollte er aber auch einfach nur, dass der Freund seines Sohnes sich im Heim der Familie wohlfühlte. Und jetzt kam dieser Hauself mit seinen veralteten Blutstatusansichten, bemerkte natürlich gleich anhand der Gesprächsthemen, dass Lennart Muggeleltern hatte, und zeigte seine Verachtung. Ein Hauself hatte keine eigene Meinung zu haben, er hatte die Gäste seines Herren als genau das zu behandeln: Als Gäste eines Malfoys. Ein Hauself war ein Diener, er hatte zu gehorchen und den Wünschen seines Meisters genüge zu tun. Der Bemühungen Mrs.Weasleys - vormals Grangers - zum Trotze gab es gerade in den alten Familien immernoch viele Hauselfen; die Befreiungsfront hatte nur in Hogwarts einigermaßen Wirkung gezeigt, dort waren einige wenige Hauselfen jetzt freie Angestellte. Weasley hatte zwar einige Gesetze zu Elfenrechten durchgeführt, die beispielsweise das Verletzen von Hauselfen untersagten, hatte jedoch dabei vergessen dass es für die meisten Hauselfen bereits eine Bestrafung war, wenn man ihnen für eine Woche verbat zu arbeiten. Später am Abend, nahm er sich vor, würde Draco Tolly in sein Arbeitszimmer bestellen.
Jetzt erst bemerkte er Blicke auf sich ruhen, und sah auf. Scorpius sah eher belustigt aus, Astoria ein wenig besorgt und Lennart neugierig. Er war es auch, der das Wort ergriff: "Entschuldigen Sie, Mr. Malfoy, aber ich verstehe nicht ganz was hier gerade passiert ist. Was hat der Hauself getan?"
Die Antwort, die Draco auf der Zunge lag - "Er hat dich missbilligend angesehen" - hörte sich in seinen Ohren lächerlich an, deswegen sagte er etwas anderes: "Er missachtet dich. Deswegen werde ich ihn zur Rede stellen."
"Er missachtet mich? Wieso denn? Was habe ich ihm denn getan?", fragte Lennart, während Scorpius sich einmischte: "Du weißt aber, Dad, dass du ihm nichts tun darfst? Wegen diesen Elfengesetzen."
Erst wandte sich Draco zu Scorpius, denn sein Einwand war wesentlich leichter zu beantworten. "Ich hatte nicht vor ihn zu bestrafen. Ich werde nur mit ihm reden." Als Scorpius nickte, als habe er kaum etwas anderes erwartet, wandte sich Draco zu Lennart.
"Er missachtet dich, weil du nicht aus einer Zaubererfamilie kommst." Dann wartete er auf Lennarts Reaktion.
Aus Scorpius Richtung kam leises Besteckgeklapper, ansonsten war es still in dem weihnachtlich eingerichteten Raum. Draco beobachtete Lennart scharf, und sah wie der schluckte. "Aber..."
Scorpius unterbrach ihn. "Lennart, weißt du noch wie wir in Geschichte am Anfang des Schuljahres diesen Überblick gemacht haben? Diese Einführung, die dazu da war, den nicht aus Zauberfamilien kommenden Schülern Grundkenntnisse über die Magiergeschichte zu vermitteln?"
Lennart nickte, und Scorpius sprach weiter. "Da hat Professor Binns doch den zweiten großen Krieg erwähnt. Da war ein böser Magier, der alle Muggel für wertlos hielt, und der sie vernichten oder besser gesagt, sich untertan machen wollte. Und manche Leute haben halt daran geglaubt." Er machte eine kleine Pause, blickte dann etwas unsicher zu Draco. Lennart sah immernoch verwirrt aus, also ergriff Draco wieder das Wort. Eigentlich wollte er nicht beim Essen über diese Themen reden, und vor Allem nicht zur Weihnachtszeit. Das mit dem Essen ließ sich ändern, aber allgemein würde er in diesen Ferien noch darüber sprechen müssen. Wohl war ihm nicht bei dem Gedanken, besonders nicht dass er dann wohl auch seine eigene Rolle beleuchten musste. Die Albträume aus dieser Zeit gingen ihm manchmal immernoch nach, außerdem wusste Scorpius bis jetzt nur, dass er selbst "auf der falschen Seite" gestanden hatte, nicht aber die genaue Rolle der Familie Malfoy.
Draco fasste einen Entschluss. "Lennart,", sagte er, "ich hoffe es ist dir recht, wenn wir nicht jetzt über dieses unangenehme Thema reden, sondern es auf heute Abend verschieben. Sei dir aber versichert, dass wir dich sehr gerne hier zu Gast haben, du musst dir also keine Gedanken deswegen oder wegen irgendwelcher Hauselfen machen." Er sah dem Jungen fest in die Augen, und dieser nickte.
Sie beendeten das Mahl trotz allem in einer etwas gedrückten Stimmung, so empfand es Draco.

Nach dem Essen ging Scorpius mit Lennart nach draußen, sie wollten Besenfliegen. Laut Scorpius hatte sich Lennart in den Flugstunden als recht talentiert herausgestellt, und so wollten sie sein Talent vertiefen, um Lennart eine reale Chance zu geben, nächstes Jahr ins Quidditchteam zu gelangen. Draco ahnte, dass es ihnen im Grunde hauptsächlich darum ging Spaß zu haben, aber das war ihm durchaus recht. Die Jungs sollten unbeschwert spielen und toben können, sie sollten nicht mit der Angst seiner eigenen Jugend aufwachsen.

Er selbst setzte sich in sein Arbeitszimmer, und nahm ein besonderes Erinnerungsstück hervor: Seinen damaligen Zauberstab, der ihm zwar jetzt nichts mehr brachte, da er den eigentlichen Besitzer gewechselt hatte, der jedoch immerhin nostalgischen Wert besaß. Potter hatte ihn ihm tatsächlich bei seiner Rückkehr ins Geschäftsleben zukommen lassen. "Er gehört nicht zu mir,", hatte er gesagt, "nimm Du ihn." Draco hatte ihn überheblich angesehen, mit "Du weißt schon, dass er für mich keinen Nutzen mehr hat?" geantwortet und keinen Zweifel daran gelassen, dass er Argumente wie "er gehört nicht zu mir" für äußerst unqualifiziert hielt. Nichtsdestotrotz hatte ihn nichts davon abgehalten, den Stab an sich zu nehmen.
Jetzt seufzte er. Es war Weihnachten, und in ihm erwachten Erinnerungen an den Krieg, der vor fast zwanzig Jahren stattgefunden hatte. An den Krieg, der seine Jugend geprägt und zerstört hatte, an eine Ideologie, die er blind verfolgt hatte. Nie wieder, so hatte er sich geschworen, wollte er einer Person folgen. Gerade noch rechtzeitig hatte sich seine Familie gegen den Lord gestellt - es fiel Draco immernoch schwer, Voldemort bei seinem Namen zu nennen oder daran zu denken - und war damit dem Urteil "Askaban lebenslang", welches die anderen Todesser traf, entronnen. Die Zeit hatte ihn verändert, so hatte er geglaubt, und dennoch fiel es ihm schwer an diese unselige Zeit von vor zwanzig Jahren zurückzudenken. Gedankenverloren sah er sich um. In seinem Arbeitszimmer waren, wie im gesamten Manor, alle Relikte aus dieser Zeit wenn nicht vernichtet, dann doch auf Dachböden und Speicher verstaut worden, damit man sie nicht mehr sah. Man sah sie nicht mehr, und trotzdem waren sie noch da. War es das, was auch mit der Ideologie passierte? Tolly hing immernoch den damaligen Vorstellungen an, und Draco hoffte sehr, dass er unter seinen Hauselfen damit der einzige war. Die Chancen standen gut, da viele junge Hauselfen im Manor dienten, aber man wusste nie. Draco legte den Zauberstab wieder zurück an seinen Platz, und rief nach Tolly, welcher augenblicklich apparierte.
"Tolly,", sagte Draco. "Du wirst unseren Gast ebenso vorbildlich behandeln, als handle es sich um jemanden aus meiner Familie. Dir ist jeglicher Gedanke daran, dass sein Blut wichtig sein könnte, verboten. Hast du verstanden?" - "Ja Meister." - "Gut. Du darfst gehen." - Plopp. Draco nickte, zufrieden, dass das geklärt war.

Der Tag ging schnell vorrüber, und da es früh dunkel wurde kamen Scorpius und Lennart bald wieder zurück, freudig strahlend und mit vor Kälte knallroten Gesichtern und Händen. Astoria schickte sie in ihre Zimmer zum Umziehen, dann gab es Tee. Scorpius, Lennart und Astoria schienen sich prächtig zu verstehen, sie erzählten und lachten viel. Draco dagegen, immernoch gefangen von Erinnerungen, bekam nicht viel davon mit und hielt sich aus den Gesprächen raus. Dass sie fertig waren bemerkte Draco daran, dass Astoria ihre Hand auf seine legte - eine typische, dezente Geste, wenn sie seine Aufmerksamkeit erlangen wollte. Er schreckte auf. "Hattest Du etwas gesagt?" Astoria lächelte, verneinte und deutete auf den leeren Tisch. "Wir sind fertig, ich wollte dich nur darauf hinweisen." Draco nickte. Es war ihm nicht peinlich, in Gedanken zu versinken, auch wenn er darüber seine Umgebung vergaß. Es kam ihm einfach nötig und normal vor, weswegen er jetzt auch Lennarts neugierigen und Scorpius belustigten Blick geflissentlich übersah. Stattdessen richtete er sich in seinem Stuhl auf und sah die beiden ernst an.

"Wollt ihr die Geschichte hören?"
"Ja.", sagte Lennart, während Scorpius seine stille Zustimmung gab, ebenfalls mit ernstem Gesicht. Er schien zu merken, dass sich hier ein ernstes Thema ankündigte.
Draco deutete auf die Sitzgruppe, die aus dunkelgrünen Ohrensesseln bestand und gemütlich nahe am Kamin war, und sie setzten sich. Astoria kam ebenfalls dazu, jedoch nicht aus Neugier an der Sache, nein. Sie hatte die Geschichte ja auch selbst miterlebt, wenn nicht aktiv, dann doch zumindest passiv und durchaus in einem Alter, in dem man fähig sein konnte Zusammenhänge zu verstehen. Nein, Astoria war hier, weil ihm, Draco, ihre Anwesenheit helfen würde.
Als alle saßen, setzte sich Draco ebenfalls, versicherte sich mit einem Blick der Aufmerksamkeit seiner Zuhörer und fing dann an zu erzählen:

"Ich kann mich nicht an alles erinnern, was zu dieser Zeit passierte, denn es fing schon mehr als 10 Jahre vor meiner Geburt an. Damals trat eine charismatische, starke Persönlichkeit auf den Spielplan der britischen Magiergesellschaft. Er, der sich Lord Voldemort nannte, verfolgte Ideen, die für viele Magier wohl verführerisch klangen. Dazu muss man wissen, dass, um zwischen Familien zu unterscheiden, der Blutstatus zurate gezogen wurde. Familien, die seit mehr als einer bestimmten Zahl von Generationen nur Zauberer in ihren Ahnenreihen hatten, galten als reinblütig, solche, die sowohl Zauberer- als auch Muggelvorfahren hatten als halbblütig und diejenigen, die aus reinen Muggelfamilien abstammten als ...nun, man bezeichnete sie abfällig mit dem Schimpfwort ′Schlammblut′. Faktisch ist es so, dass keine dieser Gruppen besser ist als eine andere. Rein magisches Blut macht einen weder zu einem besseren Zauberer noch zu einem besseren Menschen, aber wo es Unterschiede gibt, kommt leicht die Frage nach dem ′was ist besser′ auf. Und hier war es dann so, dass reinblütige Magier der Meinung waren, besser zu sein als Muggelgeborene oder Halbblüter. Es erwachte die Idee, dass Reinblüter besser seien als Muggelgeborene, und Zauberer besser als Muggel. Und nicht nur besser, sondern vielmehr: lebenswerter! Ich selbst habe noch nicht erlebt als das zum ersten Mal passierte, aber mein Vater hat mir später von dieser Zeit erzählt. Es war wie ein Traum, sagte er. Endlich kommt da jemand, der die Tatsachen erkennt, derer sich die alten Magierfamilien seit langem schon bewusst sind. Endlich jemand, der Muggel genauso verachtet wie sie, endlich jemand, der die gleichen Ziele und Ideale hat. Und dieser jemand, Lord Voldemort, war eine charismatische und starke Persönlichkeit, man traute ihm nicht nur zu, nein, man wusste, dass er seine Ziele erreichen würde! Seine Macht wuchs immer mehr, ebenso wie die Zahl seiner Anhänger. Es war, als reite man auf einer gigantischen Welle, die einen weitertrug.
Doch dann kam der erste Dämpfer, die Pause für einige Jahre. Ein Junge namens Harry Potter hatte einen Todesfluch überlebt, einen Fluch, der normalerweise unweigerlich zum Tode führt. Und Lord Voldemort war verschwunden. Daraufhin erlebte die magische Welt einige Jahre ohne Lord Voldemort. Seine Anhänger waren wieder zu normalen Berufen zurückgekehrt, doch im Hintergrund brodelte es. Nach meinem und Harry Potters viertem Jahr in Hogwarts erfuhr ich bei meiner Rückkehr ins Manor, dass der Dunkle Lord wieder da war. Ich war knapp ein Jahr alt gewesen als er verschwand, und meine Eltern hatten es geschafft, den Bestrafungen, denn für seine Unterstützung wurde man nach seinem Fall bestraft, zu entgehen.
Jetzt war dieser großartig erscheinende Führer, von dem mein Vater mir vorgeschwärmt hatte, wieder da. Wenn er regierte, dann müsste ich Hogwarts nicht mehr mit minderwertigen Magiern teilen, sagte er mir. Dann wäre das Hause Slytherin Herr über die anderen drei Häuser, und alles hätte seine Richtigkeit. Ich glaubte ihm, und ich war furchtbar stolz dass mein Vater zu den wenigen gehörte, die sich ihm direkt nach des Dunklen Lords, denn so nannten seine Anhänger ihn, Auferstehung wieder angeschlossen hatten.
Und ja", setzte er hinzu, "meine Familie stand all die Jahrzehnte hindurch auf der falschen Seite. Und zwar nicht auf der falschen Seite, weil es letztendlich die Verliererseite war, sondern auf der Seite, die wirklich an sich falsch war. Ich will nicht meinem Vater die Schuld geben dass er mir meine Meinung gebildet hat, denn ich hätte mir ja durchaus auch selbst eine Meinung bilden können. Mein Vater hat dazu beigetragen, aber ich selbst war ebenfalls begeistert von diesen Ideen. Mein Stammbaum besteht seit Generationen nur aus Magiern, ich hätte nur profitiert. Ich wollte, dass wir Reinblüter zu unserem Recht kommen, dass wir über Muggelgeborene und Muggel herrschen. In meinem fünften Schuljahr wurde mein Vater vom Ministerium gefangengenommen und kam nach Askaban, ins Zauberergefängnis. Ich sollte seine Nachfolge antreten und die Fehler der Malfoys ausmerzen, und im Alter von sechzehn Jahren wurde ich in die Reihen der Todesser aufgenommen."

Hier machte er eine Pause, wobei er den beiden Jungen fest in die Augen schaute. Er bemerkte den erschrockenen Blick seines Sohnes und den ungläubigen von dessen Freund. Es machte ihn traurig, dass er damals diese Entscheidung getroffen hatte, dass er sich nicht besser revoltiert hatte. Und es machte ihn traurig, das jetzt so erzählen und damit wohl seinen Sohn enttäuschen zu müssen.

"Ich habe mir damals und auch später oft gesagt, dass ich es getan habe, um meine Familie zu schützen. Ich denke auch, dass ich das völlig ernst so gemeint habe. Ich dachte, wenn ich nicht beitrete und meines Vaters Nachfolge antrete, wird sich der Lord an unserer Familie rächen, und dann werden wir nicht mehr lange leben. Ich dachte, ich hätte keine andere Wahl als beizutreten. Heute weiß ich, dass das Unfug ist. Natürlich hätte der Lord gezürnt, wenn ich nicht zum Todesser geworden wäre. Und vermutlich hätte er unsere Familie tatsächlich verfolgt. Aber es ist ein Selbstbetrug sondergleichen, zu glauben, keine Wahl zu haben. Man hat immer die Wahl. Ich hätte mich auch damals schon gegen Voldemort stellen können. Dass ich es nicht getan habe, war meiner Feigheit zu verdanken. Ich traute mich nicht, mich aufzulehnen. Zuerst fand ich diese ganze Ideologie wirklich gut. Das lag daran, dass ich mir ihr aufgewachsen war, dass ich nie etwas anderes kennengelernt hatte. Doch dann, in meinem fünften Jahr, sah ich auch die schlechten Seiten der Macht. Ich erkannte, dass man entweder dazugehören musste und im kleinsten Detail dem Lord gehorchen musste, oder man war früher oder später dem Tode geweiht. Meine Familie hatte sich fürs Dazugehören entschieden, und ich folgte dieser Entscheidung. Auf die Idee, zu fliehen, kam ich nie, und darauf, dass die ganze Ideologie an sich falsch sein könnte, auch nicht. Als ich es erkannte, war es fast schon zu spät, und unsere Familie stellte sich gerade rechtzeitig noch auf die richtige Seite."

Ein bisschen verspürte Draco ein schlechtes Gewissen, weil er verschwieg, dass sie auch zuletzt nicht die Seiten wechselten, weil sie die gegnerische Seite als die ideologisch richtigere erkannten, sondern weil des Lordes Seite am Verlieren war. Aber diese Sache, derer er sich fast am meisten schämte, war er nicht bereit seinem Sohn und dessen Freund zu erzählen.

"Eine Eigenschaft vieler Slytherins ist, dass sie einen starken Selbsterhaltungstrieb haben. Listigkeit, Cleverness und Loyalität zu den wahren Freunden sind Charaktereigenschaften, die einem sehr dabei helfen, nicht in Lebensgefahr zu geraten. Selbsterhaltungstrieb im Übermaß allerdings wird zur Feigheit, und das ist nicht gut. Denn die Feigheit war es, die mich viel zu lange daran hinderte einzusehen, dass ich auf der falschen Seite stand, Feigheit vor den Konsequenzen die ich dann ziehen müsste. Ich könnte zwar sagen, dass ich einfach nie frei denken gelernt hatte, und es deswegen auch nicht tat, aber das ist falsch. Ich fürchtete mich davor zu denken, es war so viel einfacher einfach nur zu tun, was mein Vater und später der Lord befohlen. Als die ganze Geschichte mit dem Sieg der hellen Seite über den Lord endete und die Todesser sich vor Gericht verantworten mussten, habe ich mir etwas geschworen. Im Krieg waren so viele Muggelgeborene gewesen, die versierte - reinblütige Todesser besiegt hatten. Viele magische Erfindungen stammen von Muggelgeborenen. Jahrelang hatte ich wie viele andere an die irrsinnige Idee geglaubt, dass diese Menschen ihre Magie von Zauberern gestohlen hatten. Deswegen hatte ich sie gehasst, deswegen hatte ich wie viele andere ihre Verfolgung gebilligt. Nun merkte ich, dass das dumm war. Magie, habe ich inzwischen erfahren, ist eine natürliche Mutation der menschlichen Gene die unter bestimmten Umständen auftritt und dann weitervererbt wird. Man kann Magie also gar nicht stehlen, und die ganze Bluttheorie ist sinnlos. Es gibt kein wertvolleres ′Blut′ als anderes, und dass ich so langer dieser falschen Idee hinterhergelaufen bin macht mich traurig. Ich sagte vorhin, dass ich mir etwas geschworen habe. Ich habe mir selbst geschworen, dass ich nie mehr einer Ideologie und schon gar nicht einer einzelnen Person nachlaufen werde. Denn es gibt nichts auf der Welt, was es wert ist, sein eigenes Denken aufzugeben. Es gibt nichts, wofür man seine Entscheidungsfreiheit aufgeben sollte. Ich denke, die alten Vorstellungen sind jetzt größtenteils ausgemerzt in der magischen Welt. Trotzdem sollten wir nicht vergessen, was passiert ist. So etwas soll nie mehr wieder passieren. Eure gedankliche Freiheit ist das Wichtigste, was ihr habt. Denkt daran, gibt das niemals auf. Für nichts."

Als Draco geendet hatte, war es still im Raum. Draco schaute den im Kamin züngelnden Flammen zu. Er war sich nicht ganz sicher, ob seine Botschaft angekommen war. Er fand es ungeheuer wichtig, dass die beiden Jungen das verstanden.

"Dad", holte ihn die Stimme seines Sohnes zurück in die Gegenwart. "Ich finde es gut, dass du das erzählt hast. Ich glaube, ich habe es verstanden."
Scorpius sah etwas unsicher aus, und das Wissen, was sein Vater vor zwanzig Jahren getan hatte, schien ihn betroffen zu machen. Draco sah seinen Sohn an, unsicher, ob er jetzt in dessen Achtung gesunken war. Doch seine Zweifel waren unbegründet, denn Scorpius kam auf ihn zu und schlang die Arme um ihn. "Danke Dad." Draco musste schlucken, und blinzelte einige Tränen hinweg. Über Scorpius Rücken sah Astoria ihn liebevoll an.
"Es ist schon richtig so,", sagte sie. "Es war wichtig, dass du es erzählt hast." Draco nickte ihr zu, und sein Blick glitt weiter zu Lennart. Der Junge hatte ebenfalls Tränen in den Augen, ließ sie jedoch nicht heraus. Draco sprach ihn an: "Verstehst du, weshalb mich die Bemerkung des Hauselfen so wütend gemacht hat? Seine Meinung steht für alles, was ich hinter mir lassen will, womit ich selbst abgeschlossen habe. Was ich als falsch erkannt habe."
Lennart nickte, stand auf und ging auf Draco zu. Er stellte sich neben Scorpius, der seinen Vater zwischenzeitlich losgelassen hatte, und gab Draco die Hand. "Ich muss Ihnen danken."
"Wofür?"
"Für Ihre Geschichte. Für Ihr Vertrauen. Für Ihre Erkenntnis. Für Ihre Entscheidung."
Die große Pendeluhr schlug.
Draco erwiderte den Händedruck, und sagte mit sanfter Stimme: "Frohe Weihnachten."

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