Adventskalender

13. Dezember

Rendezvous mit einem Geist

"Lieber James Sirius,

hiermit lade ich dich zu einem Weihnachts-Picknick
in meiner Toilette ein.
Du findest mich in der Mädchentoilette im dritten Stock.
Ich erwarte dich gegen 19 Uhr im Festumhang.

Deine Myrte

P.S.: Wenn du nicht kommst, hetze ich dir Peeves auf den Hals!"

James Sirius schluckte. Seiner Cousine Rose und seinem Bruder Albus Severus standen die Münder offen. Sie waren allesamt sprachlos. Nach etwas mehr als einer Minute war es Rose, die als erste ihre Sprache wieder fand: "Du musst da einfach hingehen James!" "Spinnst du?", erwiderte James, "Weißt du nicht mehr, was sie damals mit Dad vor hatte?" Rose blieb stumm. Sie erinnerte sich sehr gut an die Geschichte, die sie von ihrem Vater Ron und ihrem Onkel Harry einst erzählt bekam. Dann warf sie ein: "Aber James, nur weil sie damals in Onkel Harry verliebt war, und weil sie wollte, dass er bei ihr im Klo bleibt, wenn er stirbt, heißt das nicht, dass sie das jetzt auch mit dir machen will, dass sie dich töten will!" James schüttelte vehement den Kopf: "Ich geh da nicht hin! Du weißt doch wie sie mich immer anschaut. Und erinnere dich nur mal an die Party vom Fast kopflosen Nick. Wie sie da immer um mich herum geschwebt ist. Die plant sicher was!" Rose wurde bewusst, dass James Recht hatte, aber dennoch bestand sie darauf, dass er der Einladung folgen musste: "Du musst, oder willst du etwa Peeves am Hals haben?" "Nein.", gab James kleinlaut zu. "Ich lasse mir schon was einfallen. Auf jeden Fall gehst du dort nicht alleine hin. Wozu haben wir denn sonst den alten Umhang von deinem Dad?!" ermutigte ihn Rose, die in ihrem Einfallsreichtum locker mit ihrer Mutter Hermine mithalten konnte.

Sich vor Freude drehend, schwebte Myrte in ihrem Klo auf und ab. Während sie furchtbar schief Jingle Bells sang, befestigte sie hier eine Girlande, dort einen Stern und platzierte jede nur erdenkliche Weihnachtsdekoration, die sie im Raum der Wünsche gefunden hatte irgendwo in der Mädchentoilette. Alles sollte für ihr Date perfekt sein. Als plötzlich Peeves mit einem Lauten "HA-HA-HA, die Mürte hat ein Dääääät!" genau an der Stelle durch die Wand donnerte, an der sie den großen Weihnachtstern angebracht hatte, war die gute Laune umgehend weg. "Peeves, ich hab dir gesagt du sollst nicht stören!" schrie sie. Doch Peeves lachte weiter. Da begann Myrte erneut unglaublich schief und laut zu singen: "SAHEILÄNT NAIGHT, HOHOLI NAIGHT, OOOLL IS CAAAAALM, OOOLL IS BREIGHT..." Das wurde selbst Peeves zu viel und er zischte durch die Wand, an der eine Rentier-Girlande hing, davon, um den herannahenden, vom Lärm alarmierten, Mr. Filch zu tyrannisieren.
Myrte beruhigte sich langsam. Schluchzend hing sie den Weichnachtstern und die Girlande wieder an ihre Plätze. Da es inzwischen dunkel war, machte sie sich auf den Weg zur Bibliothek. Vorsichtig streckte sie den Kopf durch die Wand und vergewisserte sich, dass Madam Pince schon beim Abendessen war. Dann schwebte sie durch die Wand und geradewegs durch die Regale in die verbotene Abteilung. Da war es. Die dunkle Kunst einen Geist zu erschaffen. In diesem Buch hatte sie schon etliche Male nachgeschaut, aber einmal musste sie sich noch vergewissern, ob sie auch alles bedacht hatte.

In der Großen Halle saßen inzwischen Rose, James und Albus beim Abendessen. James bekam keinen Bissen herunter. Rose versuchte ihn zum Essen zu bewegen: " James, jetzt sei nicht albern und iss! Ich werde dir schon die Haut retten." Sie klang, als hätte sie schon einen Plan und das beruhigte James ein wenig. Er nahm sich von der Pastete und begann zaghaft zu essen. Mit vollem Mund fragte er: "Uhnd Ros, wahs has u for?" Bei dem letzten Wort fiel ihm ein Stück Pastete aus dem Mund. Albus, Rose und auch James fingen unweigerlich an zu lachen. Es war ein entspanntes und gelöstes Lachen. James vertraute Rose, er wusste, wozu sie fähig war und deshalb fiel nun alle Angst von ihm ab. Ersetzt wurde sie durch den Mut, den schon Jahre zuvor, ein anderer Potter hier, vor dem einen oder anderen Abenteuer, aufzubringen vermochte. Nachdem sie aufgegessen hatten, gingen sie hinauf in die Eulerei. Rose jedoch bog auf einmal ab und rief den Jungs nur zu: "Wir treffen uns gleich oben, ich muss nur noch, ähm, aufs Klo." Verdutzt gingen James und Albus weiter. In der Eulerei hatten sie vor Wochen eine kleine Kammer entdeckt. Dies war ihr gemeinsamer Treffpunkt geworden. Da Rose, nicht wie Albus und James in Gryffindor, sondern in Ravenclaw gelandet war, war es nötig gewesen, einen Ort außerhalb der Gemeinschaftsräume zu finden. Nach wenigen Minuten war auch Rose oben angekommen. Sie räusperte sich und begann den beiden von ihrem Plan zu berichten.

Mit allen nötigen Details im Kopf schwebte Myrte in den Klassenraum für Zaubertränke geradewegs auf das Regal mit den Zaubertränken zu. "Gregor oder Amortentia? Gregor oder doch Amortentia?" murmelte sie. Schließlich schien sie sich für einen entschieden zu haben und griff nach einer kugelbauchigen Zaubertrankflasche mit schlankem Hals. Als sie an dem Regal mit den Zutaten vorbeischwebte, nahm sie noch alle Reste von den Heilmitteln Baldrian und Weinrautenessenz mit. "Sicher ist sicher" dachte sie sich. Außerdem griff sie noch nach dem giftigen Wolfswurz. Mit allen nötigen Utensilien im Gepäck schwebte sie fröhlich zu ihrem Klo. Es konnte nichts mehr schief gehen. Sie war stolz auf sich selbst, die Idee gehabt zu haben, die Heilmittel ebenfalls mitzunehmen. Es war nun 18.45 Uhr und sie konnte es kaum erwarten, dass James gleich käme. Sie traf die letzten Vorkehrungen und versah die Muffins, die sie aus der Küche geklaut hatte, mit dem Wolfswurz. Den Zaubertrank vermischte sie mit dem Kürbissaft. Die übrigen verräterischen Zutaten ließ sie noch schnell in der hohlen Wand hinter dem dritten Waschbecken verschwinden. Nun war alles für ihr Date bereit. Ungeduldig schwebte sie hinter der Tür auf und ab, als sie diese auch schon durch sich hindurch gleiten spürte. Da stand er in ihrer Toilette: James Sirius Potter, Sohn des berühmten Harry Potter. Myrte bekam leuchtende Augen und bat James, völlig entzückt, auf der Picknickdecke Platz zu nehmen. Was sie in diesem Moment gar nicht mitbekam, war, dass hinter James auch noch Rose und Albus unter dem Tarnumhang herein gehuscht waren. James war mulmig zumute. Er setzte sich, doch nicht ohne sich zu vergewissern, dass sich das Stück Bezoar, das er von Rose bekommen hatte, noch in seiner linken Hosentasche befand. Auf seiner Zunge schmeckte er immer noch die Weinrautenessenz und den Baldrian, die Rose zusammen mit dem Bezoar direkt nach dem Essen aus dem Klassezimmer für Zaubertränke gestohlen hatte. Er wiederholte in Gedanken noch einmal den Plan, den Rose ihm eingebläut hatte: "Rede mit ihr, lenk sie ab. Ich werde einen Bannkreis um alles ziehen, in dem sie dich ertränken könnte. Stumme Zauber sind selbst für mich noch nicht machbar. Also sorge dafür, dass sie meine gemurmlten Zauber nicht mitbekommt. Für jedes Gift bist du gewappnet und du weißt, falls sie einen Liebestrank einsetzt, haben wir alle drei ein Stück Bezoar in der Tasche." James fühlte sich nun etwas sicherer und begann sofort, Myrte in ein Gespräch zu verwickeln. Er fragte sie nach seinem Vater, nach Draco Malfoy und weiteren Personen, die sie gekannt haben könnte. Er versuchte aber tunlichst zu vermeiden, nach ihrem Tod und dem Basilisken zu fragen. Als Myrte ihm den Kürbissaft zuschob, wehrte er zunächst ab: "Oh, ich habe, ähm, gerade noch ein Butterbier getrunken." Um Myrte zu besänftigen, nahm er sogleich einen Muffin, wohlwissend, dass Baldrian und Weinrautenessenz schon alles neutralisieren würden, was sich darin befinden könnte. Myrte strahlte ihn an und bot ihm erneut den Kürbissaft an. Schließlich konnte er nicht mehr anders, als mit ihr anzustoßen und zu trinken.

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Er hoffte nur, dass Rose schon fertig war. Als der Saft seinen Hals hinunter rann, spürte er urplötzlich eine wohlige Wärme. Myrte neigte sich nach vorne und wollte James küssen, James schaffte es gerade noch, sich zurück zu lehnen. Einen Moment später spürte er zwei kalte, unmenschliche Lippen auf den seinen. Myrte schwebte über ihm und war überglücklich. Sich der Wirkung von Amortentia bewusst, schob sie James auf eine der Toiletten zu. Doch sie kam nicht weiter. Auch die nächsten zwei Toiletten waren magisch blockiert, sodass Myrte ihren Traum, James hier in ihrer Toilette zu ertränken, damit er auch mit ihr hier bliebe, schon zerplatzen sah. Sie begann fürchterlich schrill zu schreien: "AHHHH, WER WAR DAAAAAS!" Eine Toilette nach der anderen probierte sie aus, doch alle waren versperrt. Derweil lag James stark benebelt auf dem Boden und murmelte vor sich hin. "Myrte. Myrte Potter. Ich liebe Myrte." waren seine Worte. Rose und Albus mussten nun handeln. Unsicher, ob dies auch bei Geistern funktionieren würde, erhob Rose ihren Zauberstab, riss sich den Tarnumhang herunter und rief: "Petrificus totalus!" Umgehend erstarre Myrte und schwebte nun scheinbar schwerelos an einer Stelle. Nur ihre Augen schienen von der Klammer nicht betroffen zu sein. Sie funkelte Rose böse an und sah betrübt zu, wie diese, ihrem James ein Stück Bezoar in den Mund schob.

Immer noch benebelt wachte James mitten in der Nacht im Krankenflügel auf. Auf der gegenüberliegenden Seite sah er verschwommen einige Zauberer um ein Bett herum stehen. Unter ihnen auch der Zaubereiminister Kingsley Shacklebolt und Schulleiterin Prof. McGonagall. Als sie merkten, dass James wach war, kamen sie zu ihm herüber und er konnte einen Blick auf das Bett gegenüber werfen. Dort lag die immer noch erstarrte Myrte. Kingsley Schacklebolt wandte sich nun an James: "Das war sehr knapp und sehr mutig von deiner Freundin. Wenn du willst, können wir Myrte aus dem Schloss entfernen lassen. Angesichts ihrer Tat wäre das eine durchaus gerechte Strafe." James überlegte kurz und erwiderte dann: "Ich will erst mit ihr reden!" Erstaunt ließen ihn McGonagall und Shacklebolt zu ihr herüber. Der Minister löste die Klammer nur an ihrem Kopf. Sofort begann Myrte zu schluchzen: "Es tuhut mihir soho leid, James." Sie schniefte einmal laut und fuhr dann fort: "Ich bihin doooch so eineinsam in meiheinem Klooo. Ich werde sowas nihie wieder tuuun!" James betrachtete sie genau und er erkannte in ihr irgendwo etwas Gutmütiges und Nettes und bot ihr etwas an: "Wenn ich dich regelmäßig besuchen komme, nur so als Freund, lässt du mich dann bitte am Leben?" Myrte nickte und James deutete dem Minister die Klammer komplett zu lösen. Widerwillig tat er dies und Myrte schwebte wortlos und geknickt davon. McGonagall wandte sich schließlich James zu: "Sie sind ihrem Vater sehr ähnlich, Mr Potter." Dann lächelte sie und verließ mit dem Minister den Krankenflügel.
Kaum dass die beiden durch die Tür verschwunden waren, kamen auch schon Albus und Rose hereingestürmt. Überglücklich umarmten sie James. Der war gerade dabei sich die Schuhe anzuziehen. Rose fragte verwundert, wo er denn hinwolle. James erwiderte nur: "Kommt mit, es gibt da jemanden den wir besuchen sollten!" Dann zog er beide mit sich mit in ein Mädchenklo im dritten Stock.

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