Adventskalender

12. Dezember

Schatten der Vergangenheit

Mit wehendem Haar stand Ginny Potter auf dem Bahnsteig 9 ¾ und wartete, immer wieder ungeduldig zur großen Uhr blickend, die an der Wand hing, auf den Hogwartsexpress. Heute war der erste Tag der Weihnachtsferien, genau ein Tag vor Heilig Abend, und Albus und James würden heute nach Hause kommen, um das Weihnachtsfest im Kreis der Familie zu verbringen.
Endlich – es schien Ginny als wären Stunden vergangen – sah sie in der Ferne den Dampf der scharlachroten Lock aufsteigen. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern und sie konnte ihre beiden Söhne in ihre Arme schließen. Beide waren in Gryffindor gelandet – sie hatte nichts anderes erwartet – und beide waren genau wie Harry – abenteuersüchtig, liebten es Regeln zu brechen und waren beliebt bei den Mädchen. Auch da hatte sie nichts anderes erwartet, obwohl sie gehofft hatte, dass Albus nicht direkt in seinem ersten Hogwartsjahr in James’ Fußstapfen treten würde. Aber eigentlich war es nur ein kleiner Hoffnungsschimmer gewesen, fast schon eher Wunschdenken. Sie waren nun einmal die Söhne von Harry Potter und hatten seine Abenteuerlust schlicht und ergreifend geerbt.
Ginny unterbrach ihre Gedanken in dem Moment als die scharlachrote Lock mit einem Schnaufen zum Stehen kam, die Türen aufgingen und Unmengen Schüler, Koffer, Käfige und Reste von Knallbonbons und anderen Süßigkeiten auf den Bahnsteig purzelten.
„Mama!“, rief James schon von weitem, als er sie erblickte und kam schnell auf sie zu, dicht gefolgt von Albus, dessen Augen regelrecht vor Eifer glühten. Ginny wusste aus den Briefen ihres Sohnes, dass er sich gut in Hogwarts eingelebt hatte und sich wohlfühlte.
„Hallo, ihr zwei“, Ginny lächelte ihnen zu, umarmte beide, gab ihnen einen Kuss – auch wenn James versuchte sich zu sträuben, winkte Hermine noch einmal kurz zu, sie würde sie an Weihnachten sehen und ging mit ihren Söhnen durch die Absperrung in die Bahnhofshalle.
„Wo ist Lily?“, fragte Albus.
„Sie ist bei deinem Vater und erledigt mit ihm die letzten Weihnachtseinkäufe. Sie sollten zurück sein, wenn wir zu Hause sind“, antwortete Ginny und lud das Gepäck der beiden ins geliehene Ministeriumsauto. Der Fahrer wartete schon ungeduldig, er wollte auch endlich in seinen wohlverdienten Weihnachtsurlaub entschwinden.
„Los, rein mit euch“, spornte Ginny ihre Söhne mit einem Lächeln an, als die beiden anfingen über einen vorbeilaufenden Muggel zu diskutieren und abfällige Bemerkungen über sein Benehmen zu machen. „Lasst den Muggel in Ruhe. Es ist ein Bettler und ist sicher arm dran“, erklärte Ginny und stupste die Söhne auf die Rückbank, während sie selbst vorne Platz nahm.
Der Ministeriumsbeamte fuhr sofort los und schlängelte den Wagen schnell und sicher durch den abendlichen Vorweihnachtsverkehr. Binnen einer Stunde waren die drei Potters zu Hause und standen mit ihrem Gepäck vor der Haustür.
Ginny wollte gerade ihren Zauberstab hervorkramen und die Tür öffnen, doch Harry kam ihr von innen zuvor.
„Da seid ihr ja endlich“, sagte er und öffnete die Tür so weit, dass die beiden Jungs ihre Koffer und Käfige hineintragen konnten.
Ginny aber blieb auf der Schwelle stehen, sah Harry mit großen Augen einen Moment lang an und brach in schallendes Gelächter aus.
„Ich dachte, ihr wolltet mit dem Backen anfangen und nicht im Mehl schwimmen“, brachte sie unter Anstrengung hervor.
Harry zuckte entschuldigend die Schultern, zog Ginny zu sich heran und begrüßte sie mit einem recht staubig-mehligen Kuss.
„Wir haben angefangen“, sagte er ihr leise ins Ohr, während er sie erneut küsste und mit dem Fuß dabei gleichzeitig die Haustür schloss. „Überzeug dich selbst. Das erste Blech Plätzchen ist fertig.“
Ginny riss erstaunt die Augen auf, denn so recht konnte sie das nicht glauben. Harry war immer etwas unbeholfen in Muggelbacken gewesen, doch Ginny bestand darauf, es auf diese Art zu machen, denn es machte den Kindern einfach mehr Spaß. Bereitwillig ließ sie sich daher von Harry in die Küche führen, um sich zu überzeugen, dass die ersten Plätzchen bereits fertig waren. Als Harry und Ginny die Küche betraten, standen die drei Kinder am Tisch und stachen weitere Plätzchen mit den Quidditch-Formen aus. Alle hatten Mehl in den Haaren und das obwohl die Jungs gerade erst angekommen waren. Ginny schüttelte lächelnd den Kopf, als sie und auch die Küche sah, sagte aber nichts. Plätzchenbacken mit der ganzen Familie mochte sie vor Weihnachten immer am liebsten und Harry hatte nicht untertrieben. Auf der Ablage stand bereits ein Blech mit fertigen Plätzchen. So suchte sie sich schnell eine Schürze und warf sich in das Backgetümmel, denn bis zum Abend wollte sie alles soweit fertig haben.

Am nächsten Morgen konnte sie endlich alle Plätzchen verpacken und gemeinsam machten sich Harry, Ginny und die Kinder zum Fuchsbau auf, denn dort sollte dieses Jahr das Weihnachtsfest mit allen gefeiert werden.
Stürmisch wurden sie von den Weasley begrüßt. Auch Hermines und Fleurs Eltern waren da., Die Kindern verschwanden sofort in den Garten zum Spielen, denn über Nacht war Schnee gefallen und es war eine gute Gelegenheit für eine Schneeballschlacht. Ron Und Harry wurden kurzerhand mitgeschickt und Hermine und Ginny machten sich daran alles für den nächsten Tag und die Geschenkeverteilung vorzubereiten.
„Wie geht es dir?“; fragte Hermine Ginny, während sie auf dem Sofa saßen, Geschenke einpackten und sie in kleine Säckchen je nach Empfänger steckten.
„Ganz gut. Nur ich glaube, dass Harry die Ereignisse von vor 19 Jahren immer noch nicht ganz verarbeitet hat. Er spricht nicht darüber, aber ich weiß, dass er Alpträume hat und irgendwie lastet immer ein dunkler Schatten auf ihm. Es ist, als ob ein Teil von ihm immer noch denkt, dass Voldemort zurückkehrt, obwohl er ihn eigenhändig vernichtet hat.“ Ginny seufzte. „Es ist einfach schwierig“, schloss sie.
Hermine nickte. Sie kannte das Gefühl. Nicht von Ron, aber von sich selbst. Zwar hatte sie nicht Voldemort getötet, aber einige Todesser. „Ich kann dich verstehen. Gib ihm Zeit. Mir geht es ähnlich. Ich habe Menschen getötet damals. Es waren zwar böse Menschen, aber eben doch Menschen. Auch ich brauche immer noch Zeit.“
Ginny nickte, doch Hermine sah ihr an, dass sie traurig war. „Nicht traurig sein. Morgen ist Weihnachten“, sagte Hermine mitfühlend und umarmte Ginny vorsichtig.
„Traurig? Was ist denn los?“, fragte eine Stimme von der Tür her.
Die beiden Frauen erschraken und drehten sich um. Ron und Harry standen auf der Türschwelle und betrachteten ihre Frauen. Hermine stand auf.
„Wo sind die Kinder?“, fragte sie.
„Die sind im Bett. Sie haben sich völlig verausgabt“, antwortete Ron.
„Dann sollten wir vielleicht auch gehen“, sagte Hermine mit einem kurzen Seitenblick auf Ginny, „ich bin ziemlich müde.“
Ron nickte und die beiden verschwanden nach oben.
Harry aber ging zu Ginny, setzte sich neben sie aufs Sofa, legte einen Arm um sie und sah ihr in die Augen.
„Was ist los?“, fragte er sanft. Vorsichtig wischte er Ginny dabei eine Träne aus dem Augenwinkel. „Bitte, erzähl es mir.“
Ginny sah ihn an und nickte. Sie konnte sich seinen Augen einfach nicht entziehen und ihm keine Bitte abschlagen. Also erzählte sie leise und mit brüchiger Stimme, was sie schon Hermine berichtet hatte.
Nachdenklich hatte Harry ihr zugehört. Es dauerte eine Weile, bis er antwortete.
„Ja, es stimmt. Ich habe immer noch Albträume. Ich weiß, du musst denken, 19 Jahre wären ausreichend, um das alles zu verarbeiten und zu vergessen, aber das ist nicht so einfach. Voldemort hat so viel Leid verursacht, so viele Freunde getötet und so viele Menschen ns Unglück gestürzt. Ich kann das nicht einfach vergessen, nicht einfach abschütteln. Ich glaube nicht, dass ich es jemals ganz vergessen kann. Aber ich kann lernen, damit zu leben. Ich kann es, weil ich euch habe. Ich habe euch, meine Familie. Und vor allem habe ich dich, die Frau, die ich über alles liebe.“
Er nahm ihr Gesicht in beide Hände und flüsterte: „Ginny, ich schaff das alles nur, weil es euch gibt. Bitte, glaub mir. Ich geb’ mein bestes und versuche zu verarbeiten, aber ich brauche Zeit und ich brauche euch – dich.“
Ginny nickte und versank in seine Umarmung. Sie verstand ihn, auch wenn es ihr unheimlich schwer fiel mit der Vergangenheit und dem Schatten umzugehen.

Nach einer unruhigen Nacht erwachte Ginny schließlich am Weihnachtsmorgen. Sie wollte sich aufsetzen, aber ihr Kopf fühlte sich unheimlich schwer an. Sie hatte nicht gut geschlafen und wirres Zeug geträumt von Todessern, die mitten in der Nacht auf sie zuflogen und versuchten, sie von Harry wegzureißen. Das Gespräch mit Harry hatte vieles wieder aufgewühlt, nun auch bei ihr. Vorsichtig setzte sie sich im Bett auf. Der Platz neben ihr war leer, Harry war schon auf den Beinen. Nachdem sie wusste, dass sie aufstehen konnte, ohne sich gleich auf dem Fußboden wiederzufinden, ging sie ins Bad, zog sich an und ging langsam die alte Holztreppe hinunter. Unten wollte sie das Wohnzimmer der Weasleys betreten, musste aber feststellen, dass das kaum mehr möglich war. Mit ihrer Familie, der von Ron und Hermine, der von Bill und Fleur und allen anderen Weasleys, die sonst noch herumspukten, war das Zimmer einfach nur voll. Sie musste unwillkürlich lächeln als sie das Durcheinander sah, denn mitten in dem ganzen Menschenchaos lagen Geschenkpapier, Geschenke, leere Geschenkesäcke, Plätzchen und allerlei anderes Zugs herum. Vorsichtig duckte sie sich unter dem Arm von Ron hindurch, der in der Tür lehnte, um dabei nicht auf Olive, die Katze von Fleur zu treten, die sich ebenfalls auf der Schwelle breitgemacht hatte.
„Guten Morgen, Mama“, riefen ihre Kinder ihr zu, als sie es endlich geschafft hatte, sich einen Weg durch das Chaos zu ihrer Familie zu bahnen.
„Du hättest mich wecken können“, meinte sie schmunzelnd zu Harry, nachdem sie ihre Kinder begrüßt hatte und setzte sich auf einen Hocker, nachdem sie den Stapel Geschenkpapier heruntergenommen hatte. Doch nun wusste sie nicht, wohin damit und entschied sich kurzerhand das Papier als Sitzkissen zu missbrauchen. Es war einfach überhaupt kein Platz mehr. Schmunzelnd reichte Harry ihr einen Geschenkesack. „Hier, der ist für dich“, sagte er und sie begann ihre Geschenke auszupacken. Von jedem war eine Kleinigkeit dabei und sie freute sich wie ein kleines Kind, als sie das Geschenkpapier entfernte, wobei sie einfach alles Harry in die Hand drückte, weil sie nicht wusste, wohin damit. Das und die Tatsache, dass sie nur auf ihre Geschenke fixiert war, hatte zur Folge, dass Harry irgendwann nuschelte
„Annst u ielleicht al das Aier enernen?“
„Äh was?“, fragte Ginny zurück, die nichts verstanden hatte. Als Harry nicht antwortete, blickte sie auf und brach ich schallendes Gelächter aus. Harry war nicht mehr zu sehen. Stattdessen blickte sie einen riesigen Geschenkpapierhaufen an, der nur erahnen ließ, dass sich darunter ein realer Mensch befand. Sie wollte gerade anfangen, Harry zu befreien, doch Ron kam ihr zuvor.
„Stopp, Ginny. Das muss ich einfach festhalten.“
Und bevor Harry protestieren konnte, hatte Ron schon mehrere Fotos gemacht, seinen Zauberstab gezückt und das Chaos im Zimmer beseitigt.
„Danke“, sagte Harry grinsend. „Aber das Foto wird nicht im Ministerium gezeigt“, sagte Harry scherzend. Alle lachten.
Ginny nutzte den Moment, um Harry beiseite zu ziehen.
„Danke“, murmelte sie nur und umarmte Harry. Er wusste sofort, was sie meinte. Er hatte ihr ein Fotoalbum geschenkt mit Fotos von vor 20 Jahren. Dort waren alle drauf zu sehen. Ihre Freunde aus Hogwarts und aus dem Orden und auch Familienmitglieder von Harry und von ihr, die nicht gekämpft hatten oder die zu der Zeit schon verstorben waren.
„Das ist ein schönes Weihnachten“, sagte sie.
Harry nickte. „Ja, ist es. Und glaub mir, der Schmerz wird verblassen – irgendwann. Nur ich glaube, ganz weggehen wird er nie.“
„Dafür haben wir ja uns“; sagte Ginny und lächelte.
Ja, Ginny hatte wirklich verstanden. Und vielleicht würde es ihr in Zukunft etwas leichter fallen, mit Harrys Schatten umzugehen – mit ihrem eigenen Schatten umzugehen.
Die beiden fassten sich an den Händen und gingen zu ihren Kindern und Freunden zurück, die immer noch herzhaft über Harry als lebendes Geschenk lachten.
„Es wird doch noch ein richtig schönes Weihnachtsfest“, dachte Ginny bei sich, denn am Abend zuvor hatte sie da nicht mehr dran geglaubt.
Sie blickte ihre Kinder an und Hermine und Ron und in dem Moment war sie sich ganz sicher, dass dies mit ihr bestes Weihnachten der letzten Jahre werden würde. Mit einem kurzen, entschlossenen Nicken setze sie sich neben Lily und half ihr, ihr Spielzeug richtig auszupacken. Harry stand daneben und betrachtete alle. Dann nickte auch er und ließ sich auf den Fußboden nieder.
Gemeinsam würden sie es schaffen.

ENDE

Zurück zum Adventskalender