Adventskalender

11. Dezember

Die Teeblätter

Es war früh am morgen, gerade ging die Sonne über dem mit Schnee bedeckten Hogwarts auf und alles schlummerte noch friedlich in den warmen, gemütlichen Betten im Schloss.
Alles? – Nein. Prof. Sybill Trelawney, die Wahrsagelehrerin in Hogwarts, war soeben aufgewacht und tastete jetzt suchend auf dem Nachtisch, der direkt neben ihrem Bett stand, nach ihrer Brille mit den dicken Gläsern, die sie wie ein überdimensionales Insekt aussehen ließen. Da war sie doch. Sie setzte die Brille auf und warf einen Blick aus dem Fenster. Der große See war zugefroren und alles war mit weiß glitzerndem Schnee bedeckt. Die Landschaft sah aus wie aus einem Bilderbuch geschnitten.
Prof. Trelawney schüttelte sich. Sie mochte die Adventszeit nicht. Schon allein die Kälte machte sie ganz fertig, aber dass war es nicht, was sie so an dieser Zeit störte. Es war die Zufriedenheit aller. In solchen Zeiten ließen sich nur schwer Zuhörer für Prophezeiungen und Vorhersagen treffen. Dafür waren die Menschen einfach zu gut gelaunt. Schon ihre Urgroßmutter, Cassandra Trelawney, die große Seherin, hatte das gesagt. Nur in Zeiten der Verzweiflung und der Angst glaubten die Menschen an Wahrsagerei.
Damals vor neunzehn Jahren, als der Krieg gegen Voldemort tobte, hatte man ihr noch geglaubt. Doch die Zeit war verstrichen. Inzwischen waren ihre Haare angegraut und sie begab sich nur noch selten nach unten in den Trubel des Schlosses. Sie glaubte auch, in letzter Zeit immer mehr Spott über sich zu hören. Sie schüttelte den Kopf über diese Ungläubigen. Aber sie hatten Recht, sie war älter geworden.

Prof. Trelawney seufze und überlegte, was sie heute machen sollte. Vielleicht würde sie sich doch einmal nach unten begeben. Sie würde erst einmal die Teeblätter befragen, dachte sie sich und setze einen Kessel Wasser auf. Dann holte sie sich einen warmen Schal, legte noch einen Holzscheit ins Feuer und suchte die Teeblätter. Als das Wasser kochte, goss sie den Tee auf. Sie nahm einen tiefen Schluck und merkte, dass sie sich gleich viel besser fühlte.
Nachdem sie ausgetrunken hatte, kippte sie die Teeblätter auf die Untertasse und machte sich ans deuten. Jedes mal, wenn sie so etwas tat, wurde sie ganz aufgeregt und begann hektisch zu flüstern.
„Eine Sonne, großes Glück erwartet mich; ein Drache, die Dinge werden sich ändern; und da, ein Gesicht, das heißt ich werde neue Freunde finden“, murmelte sie vor sich hin. Da klang ja hervorragend. Heute würde sie sich nach unten begeben, das hatte sie beschlossen. Sie legte sich ein paar Tücher und glitzernde Ketten um, warf noch einen prüfenden Blick in den Spiegel und kletterte dann durch die Luke hindurch die silberne Leiter hinunter.
Die Gänge hier oben waren wie ausgestorben und kein Laut war zu hören. Mit schlürfenden Schritten ging sie bis ans Ende des Ganges zu einer geschwungenen Wendeltreppe, die sie ein Stock tiefer führte. Die Hauselfen hatten wohl schon mit dem Dekorieren des Schlosses angefangen, dachte sie sich, als sie ein paar kunstvoll bemalte Christbaumkugeln und einige kleine Tannenzweige am Treppengeländer hängen sah. Sie schüttelte den Kopf und stieg die Wendeltreppe hinunter.
Auf dem Weg in die Große Halle begegnete sie nur ein paar kleinen Grüppchen von Schülern, die sich die neue Dekoration des Schlosses ansahen, doch als sie die Eingangshalle durchquerte, hörte sie schon das laute Stimmengewirr, das ihr aus der Großen Halle entgegen drang. Als sie die Tür zur Großen Halle öffnete, schlug ihr eine Wolke aus Lärm und den unterschiedlichsten Gerüchen entgegen. Sie sah, wie sich die Schüler zu ihr umdrehten und aufgeregt anfingen ihren Nachbarn etwas zuzuflüstern. Sie war wirklich schon lange nicht mehr hier unten gewesen.
Mit raschen Schritten durchquerte sie die Halle und setzte sich an den Lehrertisch neben Prof. Longbottom. Von dort aus blickte sie die tuschelnden Schüler wütend an, bis diese sich endlich beruhigten. Nur der Blick eines kleinen Mädchens mit schwarzen Haaren und auffällig grünen Augen blieb noch lange an ihr haften. Prof. Trelawney nahm sich einen Toast und begann zu essen.
Nach dem sie fertig war, erhob sie sich und lief durch die Große Halle auf die Eingangshalle zu. Dieses Mal folgten ihr nur noch wenige Blicke, doch das Mädchen mit den schwarzen Haaren und den grünen Augen beobachtete sie immer noch ganz genau. Erst als die Tür hinter Prof. Trelawney ins Schloss fiel, wandte sich das Mädchen wieder ihrem Müsli zu.
Oben in ihrem Turmzimmer angekommen, bereitete Prof. Trelawney nur noch die letzten Sachen für ihren Unterricht vor. Sie stellte vor jeden Platz eine Teetasse mit Untertasse und setzte noch einen Kessel, viel größer, als der, den sie heute Morgen selbst benutzt hatte, mit Wasser auf. Die ganze Zeit konnte sie nur an das denken, dass sie vor dem Frühstück in den Teeblättern gesehen hatte. Bis jetzt war noch nichts geschehen, dass auf eine der vorhergesagten Sachen deutete. Vielleicht hatte sie sich doch geirrt, dachte sie sich.
Nach und nach trudelten jetzt ihre Schüler ein. Nacheinander stiegen sie durch die Falltüre und blickten sich überrascht um, als sie die Teetassen und den großen Kessel sahen. Bisher hatten sie sich nur mit der Kunst des Handlesens beschäftigt. Nachdem alle Schüler Platz genommen hatten, musterte Prof. Trelawney jeden von ihnen genau und erkannte auch das Mädchen vom Frühstück, dass sie mit ihren grünen Augen anstarrte. Hastig wich Prof. Trelawney ihrem Blick aus und begann zu sprechen: „Wie Sie sicherlich schon gesehen haben, werden wir uns heute mit einem anderen Gebiet des Wahrsagens beschäftigen. Ich hoffe, dass Sie inzwischen alle mit den Grundlagen des Handlesens vertraut sind, sodass wir und heute einer anderen, anspruchsvolleren Seite des Wahrsagens zuwenden können. Dem Lesen aus Teeblättern“. Sie sah, wie die Schüler ihr immer weniger zuhörten und räusperte sich laut und vernehmlich, um dann weiter zusprechen. „Kommen Sie nun bitte alle mit ihren Tassen nach vorne und füllen diese mit Wasser aus dem Kessel, den sie dort sehen.“ Sie nannte den Schülern noch die entsprechenden Buchseiten zum Nachschlagen und setzte sich dann in ihren Sessel am vorderen Ende des Klassenzimmers. Von dort aus beobachtete sie die Schüler, wie sie einer nach dem anderen nach vorne kamen und sich danach wieder hinsetzen und ihre Bücher aufschlugen. Noch immer spürte sie den Blick des Mädchens auf sich. Die anderen Schüler fingen leise an zu reden und zu überlegen, was ihre Teeblätter wohl bedeuten könnten. Ein relativ großer Junge hob die Hand. “Professor, könnten Sie mir helfen, ich werde aus meinen Teeblättern einfach nicht schlau”, rief er durch das Klassenzimmer. Prof. Trelawney erhob sich und ging auf den Tisch des Jungen zu. Ohne ihn zu fragen nahm sie ihm die Tasse aus den Händen und begann zu prophezeien. “Oh, das sind aber keine guten Teeblätter für Sie, mein Lieber. Da, diese Figur bedeutet drohendes Unglück und das hier”, sie wies mit ihrem Finger auf ein anderes Gebilde aus Teeblättern, “das heißt so viel wie kommende Hindernisse.”
Sie ließ die Tasse sinken und blickte in die verwirrten Gesichter ihrer Schüler. Lauter verwirrte Blicke, bis auf das Mädchen, dass sie schon die ganze Zeit beobachtete. Ihr Blick wirkte erhaben und erwachsen und sie musterte Prof. Trelawney kühl. Prof. Trelawney setzte sich wieder auf ihren Sessel, doch hielt sie es dort nicht lange aus. Endlich ging sie auf das Mädchen zu und fragte es leise, sodass es die anderen Schüler nicht hören konnten: “Was ist eigentlich los mit Ihnen? Sie schauen mich schon seit dem Frühstück so komisch an”. “Ach, ich überlege nur, was Ihr Problem ist.”, antwortete sie mit abwesender Stimme. “Mein Problem?”, fragte Prof. Trelawney überrascht. “Ja, Ihr Problem. Warum haben Sie dem Jungen nicht die Wahrheit erzählt über dass, was in seinen Teeblättern steht?”
Prof. Trelawney schnappte nach Luft. “Woher wissen Sie…” “Ich habe sie auch gelesen”, unterbrach sie das Mädchen.
Prof. Trelawney war so überrascht von der Offenheit dieses Mädchens, dass sie gar nicht wusste, wie sie darauf reagieren sollte. Sie warf einen Blick auf ihre Uhr. Noch zehn Minuten. “Räumen Sie bitte ihre Teetassen auf. Dann dürfen Sie jetzt gehen”, sagte sie zu den anderen Schülern. Sie wollte nicht, dass irgendjemand ihr Gespräch mit dem Mädchen belauschen konnte.
Als alle Schüler den Raum verlassen hatten, blickte sie das Mädchen lange an und dachte über ihre Worte nach. „Sie können…“, sie brauch ab, „Sie können, nunja, können Sie auch…“ „Ja ich kann die Zukunft lesen, oder wie auch immer Sie es ausdrücken wollen. Ich kann es schon lange. Schon früher hatten die anderen Kinder Angst vor mir. Deswegen, weil ich es kann. Inzwischen reden sie gar nicht mehr mit mir. Ich versuche es so gut wie möglich zu unterdrücken, aber die Prophezeiungen brechen aus mir hervor. Sie kennen dieses Gefühl, oder?“
Prof. Trelawney nickte stumm. Die Geschichte dieses Mädchens hatte sie an etwas erinnert, an ihre eigene Kindheit. Jähes Mitgefühl stieg in ihr auf. Dieses kleine Mädchen hatte schon so viel durchgemacht und trotzdem, trotz allem, die Freude am Leben nicht verloren. Nicht wie so viele andere, nicht wie sie.
Sie streckte die Hand aus und das Mädchen legte ihren kleinen Finger auf die knotigen, alten Finger der Frau.
„Sie dürfen nicht aufgeben. Schämen Sie sich nicht. Zeigen Sie denen dort draußen, wie Sie wirklich sind. Zeigen Sie es der ganzen Welt“, sagte das Mädchen mit fester Stimme und umschloss die Hand ihrer Lehrerin. „Zeigen wir es ihnen zusammen“. Diese Worte hatten etwas in Prof. Trelawney geweckt. Ein ihr bisher unbekanntes Gefühl. Hoffnung, die Hoffnung endlich respektiert zu werden. „Zeigen wir denen dort unten, wie wir ihnen helfen können“, sprach das Mädchen weiter, „Helfen wir ihnen bei den Weihnachtsvorbereitungen. Wir könnten bei der Planung helfen, oder einfach mit anpacken. Na was halten Sie davon?“
Prof. Trelawney konnte nicht sprechen, also nickte sie nur stumm. Sie hatte Tränen in den Augen.
Hand in Hand standen sie auf und durchquerten den Raum. Auf einmal wurde Prof. Trelawney klar, wie wenig das ganze hier mit der Kunst zu tun hatte, die sie einst unterrichten wollte, als sie sich bei Dumledore beworben hatte. Das alles war nur dafür da, um die anderen zu beeindrucken und sich von ihnen abzuschotten. Mit ihrer Kleidung war es genau so. Schnell legte sie die Ketten und Tücher, die sie trug ab, und stieg hinter dem Mädchen die silberne Leiter hinunter.

Den ganzen restlichen Tag erlebte sie wie durch einen Schleier aus Glück. Sie half, wo sie nur konnte und fühlte sich endlich in die Gemeinschaft aufgenommen. Endlich! Als sie sich abends ins Bett legte, lächelte sie zufrieden. Zum ersten Mal in ihrem Leben freute sie sich auf das Weihnachtsfest.

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