Adventskalender

8. Dezember

Es kommt nicht auf die Größe an

Solange er sich in seinem damals mehr als vierzigjährigen Leben daran erinnern konnte, war er in gewissem Maße immer ein Außenseiter gewesen, bedingt durch seine Größe beziehungsweise das Gegenteil. Nicht, dass das ausgeartet wäre, er war trotz allem einfach dafür prädestiniert, Damen zu verführen, doch zu einer längeren Beziehung hatte es nie gereicht. Sein Leben war auch in dieser Hinsicht eine Kurz-Geschichte. Duellieren, ja, das konnte er, und das hatte er zu verschiedenen Gelegenheiten, bei verschiedenen Wettkämpfen, mit Bravour bewiesen. Dennoch, durch seine geringe Größe fühlte er sich, als ob man in jeder Hinsicht auf ihn hinabsah.
Als er trotz seiner Größe wegen seiner überragenden Fähigkeiten beim Zaubern Lehrer in Hogwarts wurde, fühlte er sich selbst im Lehrerzimmer als Außenseiter, obwohl ihn die Lehrer sofort als kompetenten Kollegen akzeptiert hatten, auch wenn einige von ihnen ihn selbst noch unterrichtet hatten, wie Professor Dumbledore. Und Professor Dippet, der bald abtretende Schulleiter, war sogar eine Art Mentor für ihn gewesen.
Drei Jahre nach seiner Einstellung als Lehrer für Zauberkunst hatte er das erste Mal Zeit und vor allem Lust, über das Gelände von Hogwarts zu wandern. Aber sowohl als Schüler als auch als Lehrer hatte er sich immer lieber im Gebäude aufgehalten, denn umherfliegende Thestrale, eilige Zentauren und – es ging das Gerücht über eine junge Acromantula um – konnten ihn leicht übersehen und verletzen.
Und genau das geschah ihm jetzt am Morgen des Heiligabends. Die Große Halle war geschmückt. Diese Aufgabe hatte er schon in seiner Schulzeit in Hogwarts übernommen, hatte die Halle schon in seinen letzten vier Schuljahren kurz vor der Heimreise geschmückt, erst mit seinem Hauslehrer zusammen, später alleine, und das alles mit bewundernswerter Eleganz. Nie zuvor war die Große Halle glanzvoller geschmückt gewesen.
Wie gesagt, es war alles zu seiner Zufriedenheit erledigt, und Filius Flitwick streifte am Rande des Verbotenen Waldes umher, zog langsam und mühsam eine Spur durch den am Waldrand angewehten Schnee.
Und es geschah das, was er draußen immer gefürchtet hatte, er wurde einfach umgerannt, jedoch sofort wieder auf die Beine gestellt. Ein riesiges Wesen zog ihn aus einem Schneehügel, stellte ihn hin, klopfte ihn vorsichtig und beinahe zärtlich ab und fing an, sich sehr laut und undeutlich zu entschuldigen. Neben diesem Wesen stand sein Kollege Albus Dumbledore.
„Ah, Filius, guten Tag. Bitte entschuldige, Hagrid hat dich nicht gesehen, weil er mit mir gesprochen hat. Und wie du siehst, ist er in der anderen Richtung wachstumstechnisch etwas aus der Reihe, lieber Kollege.“
Nun betrachtete er das große haarige Wesen genauer. Aber ja, es war der Gehilfe von Mr. Ogg, dem Wildhüter von Hogwarts, Rubeus Hagrid. Er war noch nicht Lehrer gewesen, als dieser Hagrid von der Schule verwiesen, sein Zauberstab zerbrochen und als Gehilfe von Mr. Ogg auf Vorschlag Dumbledores hin eingestellt wurde.
Und dieser Hagrid hörte nicht auf, sich zu entschuldigen.
„Keine Ursache, keine Ursache, Mr Hagrid. Es ist nichts passiert.“
„Ja, Professor, ich bin halt sehr groß und Sie sind sehr klein, da kann es schon gefährlich werden, wenn ich nicht aufpass.“
„Sie sind wirklich erstaunlich groß, Mr Hagrid.“
„Alle nennen mich nur Hagrid, nur Hagrid. Manche, die mich noch als Schüler kennen, sagn manchmal Rubeus, aber selten.“
„Also gut. Hagrid.“
Und die beiden ungleichen Menschen schüttelten sich die Hände. Professor Dumbledore war ohne eine Verabschiedung verschwunden und nirgends mehr zu sehen.
„Professor, Sir, komm Sie heut Abend in die Große Halle!“
„Ich dachte eher, dass ich meinen Braten in meinem Zimmer genießen werde“, quiekte er.
„Oh, ich weiß. Aber Professor Dumbledore wird Sie vermissen. Er wird Sie abholen kommen. Hat er bei mir auch gemacht, als ich mein erstes Weihnachten hier gefeiert hab.“
„Also, nun ja, es wirkt doch etwas komisch und störend, wenn ich drei Bücher holen muss, um vernünftig am Tisch sitzen zu können.“

Es überraschte ihn selbst, so selbstverständlich über eines der vielen durch seine Größe bedingten Probleme zu reden, zudem mit einem ihm fast gänzlich fremden Menschen. Aber bei diesem Riesen hatte er keine Scheu. Er war in gewisser Hinsicht sein Schicksalsgefährte.

„Ach, ich hab meinen eigenen Stuhl. Da hab ich die Beine abgesägt, die Lehnen abgerissen und nu sitz ich da drauf. Ich mach Ihnen nen Stuhl nach Weihnachten, wenn sie wolln. Jetzt trinken wir erstma nen ordentlichen Feuerwhiskey, quatschen ein wenig und gehen dann nach oben in die Halle. Mein Haus steht dahinten, nebn dem von Mr Ogg.“

So gingen sie zu Hagrids Hütte und der Gehilfe des Wildhüters schüttete ihnen einen „kleinen“ Feuerwhiskey ein, bot ihm von seinen steinharten Keksen an, die viele, viele Jahre später auch von Harry Potter geschätzt wurden.
Etwas fröhlicher gingen sie später zum Weihnachtsessen in die Große Halle. Und Professor Flitwick holte wie selbstverständlich seine drei großen Bücher aus seinem Zimmer, setzte sich wie selbstverständlich zu den anderen Lehrern und den wenigen Schülern, die ihre Ferien in Hogwarts verbrachten. Die übrigen Lehrer waren äußerst erstaunt, ihren kleinen Kollegen zu sehen, der sonst so wenig Zeit wie möglich in der Großen Halle verbrachte. Sie waren jedoch noch erstaunter, dass er sich neben Hagrid setzte, der ihn noch viel mehr überragte als sie.
Das war Filius Flitwicks schönstes Weihnachten in Hogwarts, weil er sich endlich richtig zugehörig fühlte. Bald sollte er herausfinden, dass es den Lehrern in Hogwarts ziemlich egal war, wie groß jemand war und ob er von einer Riesin oder von einem Kobold abstammte. Er war ein Mensch und wurde auch als solcher betrachtet. Anders aussehend vielleicht, doch ähnlich im Geiste. Und das machte ein kurzes Gespräch im Schnee, das nur ein paar Minuten gedauert hatte. Das war das Weihnachten, an dem Filius Flitwick sich selbst fand.

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