Adventskalender

6. Dezember

Colins erste Weihnachten als Zauberer

„Ryan, Ryan, ich darf mit. Ich darf wirklich mit“, tanzte ich durch den Gemeinschaftsraum und erntete boshafte Blicke von Mitschülern, die gerade über den Hausaufgaben saßen.
„Echt? Das ist ja cool“, meinte ein kleiner Junge mit blondem Haar.

Colin Creevey zeigte seinem Freund die Zeilen von seinen Eltern

Mein lieber Sohn,
wir waren etwas geschockt, als uns deine Eule erreichte. Selbst Dennis hat sich schon so sehr darauf gefreut, dich wiederzusehen. Es ist hart für ihn, dass du nicht mehr so da bist wie vorher.
Wir freuen uns natürlich, dass du dich in Hogwarts so gut eingelebt hast und schon neue Freunde gefunden hast.
Wenn du uns versprichst, dass du keinen Unsinn machst, kannst du Weihnachten gerne in der Familie deines Freundes verbringen. Denk nur hin und wieder an uns.
In Liebe
Mum

PS: Du kannst deinen Freund auch gerne mal mit zu uns mitbringen. Wir würden uns freuen, ihn kennen zu lernen.

„Warte, das muss ich meinen Eltern schreiben. Dann können sie schon planen. Ich freu mich total dir unser Haus zu zeigen“, schwärmte Ryan und kritzelte schnell ein paar Zeilen für seine Mutter hin.

Drei Tage später saßen die beiden mit anderen Schülern aus Hogwarts im Zug nach Hause.
„Ich bin schon total gespannt, was mein Vater alles verändert hat. Seine große Leidenschaft ist der Garten. Ständig versucht er Dinge zu verändern…“
Colin selbst war ganz ruhig. Er vermisste seine Familie jetzt doch ganz schön. So sehr er sich auch auf die Feier in einer Zaubererfamilie gefreut hat, sie war eben doch nicht seine eigene Familie. Er hätte nie gedacht, dass er jemals seinen Bruder vermissen würde, doch nun war es so.
Ryan redete wie einen Wasserfall. Er bemerkte nicht, dass Colin beim Blick aus dem Fenster Tränen in den Augen hatte.
Als sie am Bahnhof Kings Cross angekommen waren, lief Ryan ohne Vorwarnung los und umarmte eine große hübsche Frau.
„Mami, das ist Colin“, stellte er seinen Freund vor. „Er ist ein Muggelgeborener.“
„Hallo Colin. Ich bin Sylvia, die Mutter vom kleinen Ryan. Ich freue mich, dich kennen zu lernen und hoffe, dass du etwas Spaß bei uns hast.“
„Hallo“, meinte Colin leise und schüchtern.
„Na dann lasst uns mal los. Ich denke mal die Reise war anstrengend. Es ist auch nicht mehr weit“, meinte Sylvia und nahm den Jungs die Koffer ab.
Eine Viertelstunde später erreichten sie ein stattliches Anwesen, in dessen Vorgarten ein riesiger, beleuchteter Tannenbaum stand. Colin staunte nicht schlecht. Die Lichter sahen aus wie kleine Kerzen. Sogar das Licht flackerte wie Kerzenschein.
Drinnen im Haus überschlugen sich die Ereignisse. Ryans kleine Schwester Vanessa versuchte gerade mit dem Vater zusammen den Baum aufzustellen, als sie ihren Bruder sah und ihn stürmisch umarmte. Dabei vergaß sie aber, dass sie etwas festhalten sollte und Vater Steve schwang seinen Zauberstab, damit das Glas nicht zerbrach.
„Ach Vani, du wolltest mir doch helfen“, jammerte Steve lachend.
„Aber Papa, da ist Ryan!“, sagte die 4jährige mit großen leuchtenden Augen.
„Hallo Vater. Das ist mein Freund Colin“, erzählte Ryan, als er seine Schwester umarmte.
„Hallo“, meinte Colin und staunte nicht schlecht. Überall zappelten Kugeln und Sterne und warteten nur darauf an den Baum zu dürfen.
„Du bist sicherlich überrascht. Es sieht nicht immer so chaotisch hier aus. Aber eigentlich wollten wir den Baum schon fertig haben. Nur dieser kleine Wirbelwind wollte nicht ins Haus gehen, bevor nicht die Schneeengelfamilie fertig war“, lachte Steve und gab Colin die Hand.
„Aber immerhin lebt sie jetzt wieder“, sagte Vanessa und stemmte die Hände in die Hüften. „Sonst weiß der Weihnachtsengel gar nicht, wie viele Personen hier sind.“
Alle lachten. Selbst Colin hatte ein Lächeln im Gesicht.
„Also, wo wir nun ja alle schon mal hier sind, wollen wir den Baum gemeinsam schmücken?“, fragte Vater Steve.
„Ja“, sagten mehrere Stimmen und so stemmten sie den Baum magisch in den Baumständer und suchten den passenden Schmuck aus. Als auch der letzte Stern mittels Zauberstab seinen Platz gefunden hatte, fragte Colin plötzlich: „Machen Sie keine Schokokränze an den Baum?“
„Schokokränze?“
„Ja, so kleine runden Schokoladenteile mit bunten Perlen drauf. Wir schmücken damit immer den Baum und essen sie dann immer nach dem herrlichen Essen direkt vom Baum.“
„Nein“, sagte Sylvia. „Das ist uns neu. Aber wir können gerne morgen mal schauen, ob wir solche Kränze im Laden finden. Dann können wir sie gerne ergänzen. Was hältst du davon?“
Ein Leuchten glänzte in Colins Augen. „Ja, gerne.“
So verging der erste Abend in neuer Umgebung für Colin und mit einem herrlichen Spieleabend in einer Zaubererfamilie.

Am nächsten Tag gab es die Schokokränzen, die nicht durch Magie den Weg an den Baum fanden, sondern jeder knotete Fäden durch ein paar Schokokränze und suchte sich einen geeigneten Platz am Baum.
„Das ist eine herrliche Art, den Baum zu schmücken“, meinte Steve plötzlich und erntete schockierte Blicke von seiner Frau.
„Wie lange wollen wir denn dann schmücken?“
„Das dauert nicht lange. Wenn jeder ein paar Kugeln an den Baum hängt, kann man in einer guten Stunde durch sein. Bei uns ist das Tradition. Mein Vater bringt immer die Spitze an und mein Bruder und ich hängen die Kugeln an, soweit wir rankommen. In der Zwischenzeit macht meine Mum die Fäden durch die Kränze“, erzählte Colin von seinem Zuhause.
„Dann ist die ganze Familie mit Schmücken beschäftigt?“
„Ja. Das ist unsere Zeit, uns auf die Feiertage einzustellen.“
„Das ist eine schöne Tradition“, meinte Steve und blickte zu Vanessa. „Du hättest dann bestimmt deinen Spaß.“
Alle lachten. Plötzlich stand Sylvia auf. „Wer hilft mir heute beim Plätzchen backen?“
„Ich würde gerne zugucken“, meinte Colin. „Bitte machen Sie es mit Magie. Dann kann ich Bilder für meine Eltern machen.“
Auf dem Weg in die Küche holte Colin seine Kamera hervor und knipste ein paar Bilder. „Meine Eltern freuen sich immer auf meine Bilder. Mein Bruder mag sie auch ganz gerne. Er hofft, dass er im nächsten Jahr auch einen Brief bekommt.“
„Bestimmt bekommt er ihn“, meinte Sylvia und tätschelte ihm den Kopf. „Du vermisst deinen Bruder, nicht wahr?“
Colin nickte traurig. „Es ist schon komisch. Aber ja, ich vermisse ihn.“
„Das kenn ich. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich meine zickige Schwester mal vermissen werde, aber als ich nach Hogwarts kam, hab ich auch immer gehofft, dass sie im nächsten Zimmer auf mich wartet.“
Colin schaute Mrs. Hinds an und lächelte ein wenig.
„Na gut, dann wollen wir mal sehen, wie ich dir die schönsten Plätzchen machen kann.“ Sie hob ihren Zauberstab und schon stellte sich vor ihren Platz eine Waage und eine Schüssel auf.
„Dann brauchen wir noch einen Schneebesen, der alles verrührt.“

Kaum wurde das ausgesprochen, war in der Schüssel der Schneebesen in Alarmbereitschaft.

„Für die erste Mischung brauchen wir 150 Gramm Butter, 100 Gramm weißen und 150 Gramm braunen Zucker“, sagte Sylvia deutlich und schwang ihren Stab genüsslich. Währenddessen flogen die Zutaten durch die Küche auf die Waage und dann in die Schüssel, die dann mit einem Beutel Vanillearoma und einer Prise Salz cremig verrührt wurden. Danach wurden zwei Eier hinzugefügt und 200 Gramm Mehl sowie ein Teelöffel Backpulver esslöffelweise untergehoben. Colin schaute aufmerksam zu und machte fleißig Bilder. Der Schneebesen hatte ordentlich zu tun. Als alles verrührt war, wurden noch 100 Gramm gehackte Haselnüsse und 150 Gramm Schokotropfen untergehoben.
„So, nun sind wir mit den Zutaten durch. Magst du jetzt mit der Hand weitermachen?“, fraget Sylvia.
„Was müssen wir denn machen?“
„Nimm dir zwei kleine Teelöffel und forme einfach kleine Häufchen.“
Sylvia zeigte ihm den kleinen Handgriff und schon füllten kleine Häufchen Bleche und Teller, denn die Häufchen mussten nun noch eine halbe Stunde in den Kühlschrank, ehe sie bei 160 Grad zehn bis fünfzehn Minuten backen mussten.

„Wenn sie nun braun sind, können wir sie herausnehmen und abkühlen lassen.“
„Ich find es toll“, meinte Colin und naschte genüsslich den Teig aus der Schüssel hinaus.
Als die sieben Bleche fertig gebacken waren und die Plätzchen nun in Schüsseln verteilt waren, setzten sich alle ins Wohnzimmer um den Baum herum. Im Hintergrund liefen Weihnachtslieder, von denen Colin noch nie etwas gehört hatte, Vanessa malte ihn unter dem Baum, obwohl er gar nicht da saß.
„Das macht sie immer. Sie kann sich ganz gut Gesichter merken, und zeichnet sie dann in allen möglichen Bildern. Sie mag dich scheinbar“, erklärte ihm Ryan, der mit seinem Vater eine Partie Schach spielte.
Colin lachte. „Ist das Zauberschach?“
„Ey du Nase, nun beweg mich endlich!“, erklärte der Läufer Ryan gerade, der etwas abgelenkt schien.
„Offensichtlich“, lachte Colin und setzte sich dazu.
„Kannst du Schach spielen?“, fragte Steve, während er auf den Zug von Ryan wartete.
„Nein“, sagte Colin ehrlich. „Mein Vater meint immer, ich sei noch zu jung dafür.“
„Ach, für Schach ist man in deinem Alter nicht zu jung. Du kannst ja etwas zusehen. Wir erklären dir nebenbei das eine oder andere.“
So vergingen die Stunden, in denen sich die Figuren immer wieder über Colin aufregten, weil er die unentschlossen anblickten und ihm hin und wieder falsche Ratschläge gaben. Das eine oder andere Mal gelang ihm ein fantastischer Zug, der ihm sogar Applaus von seinen Gegnern einbrachte. Auch Mr. Hinds schaute nicht schlecht, als er das eine Mal im Matt stand.
Auch die Plätzchen waren der volle Erfolg.
„Kann isch dasch Reschept haben für meine Mama?“, fragte Colin zwischen drei Plätzchen, die er sich nacheinander in den Mund schob.
„Aber natürlich. Verschluck dich an der Milch bitte nicht, sondern schlucke erst hinunter. Ich mache euch dann noch ein paar Kekse für die Fahrt zurück“, lachte Sylvia.

Danach spielten sie noch drei Runden Schach und gingen dann voller Vorfreude ins Bett. Am nächsten Tag war Boxing Day und kaum schlugen Ryan und Colin die Augen auf, waren sie auch schon hellwach und rannten die Treppe hinunter. Unter dem herrlich geschmückten Weihnachtsbaum lagen mehrere Haufen Geschenke.
„Nana, nun mal nicht so voreilig“, ertönte eine Stimme aus dem Hintergrund.
Die Jungen sahen sich um und sahen Sylvia. „Es tut mir leid, ihr müsst noch ein Weilchen warten.“
„Aber Mum, wieso? Das mussten wir nie!“
„Aber heute müsst ihr“, sagte Steve mit einer harten Stimme. „Und nun ab nach oben und vernünftig anziehen.“
Mit Knurren und Murren gingen die beiden Jungen nach oben und zogen sich leise um.
„So eine Gemeinheit. Wir dürfen sonst immer gleich die Geschenke aufmachen“, jammerte Ryan, während er sich den Pullover über den Kopf zog.
„Warum müssen wir es denn heute?“
„Ich hab keine Ahnung. Das ist bestimmt nur ein Trick um uns zum Anziehen zu bringen.“
Nun lachten sie beide.
„Ähm Ryan?“
„Ja?!“
„Du hast da eine Socke von meinen an“, meinte Colin mit zusammengebissenen Lippen.
„Oh“, lachte Ryan. „Dann zieh du meine an. Dann haben wir beide einen roten und einen grünen an. Das ist bestimmt witzig.“
Kichernd kamen die beiden Jungen die Treppe hinunter und stockten plötzlich auf der letzten Stufe.
„Mum? Dad? Dennis?“ Colin wusste gar nicht, was er sagen sollte. Schnell stürmte er auf die Besucher und umarmte sie eng.
„Was macht ihr denn hier?“, fragte er unglaublich.
„Mrs. Hinds war so freundlich uns einzuladen. Sie wusste, wie schwer es für uns sein würde, Weihnachten nicht mit unserem Sohn zu verbringen.“
„Danke“, meinte Colin und umarmte Sylvia herzlich.
„Keine Ursache.“
„So, und nun könnt ihr gerne die Geschenke auspacken“, erklärte Steve und zeigte jedem seinen Stapel.
Während die Jungen und Vanessa wie vier Wirbelwinde die Präsente auspackten und mit Papier durch die Gegend warfen, probierten Mrs. und Mr. Creevey von den Keksen, die Colin gezaubert hatten.
„Die hat ihr Sohn gebacken“, erklärte Sylvia leise. „Auch die Schokokränze am Baum waren seine Idee.“
Schmunzelnd nahm Mrs. Creevey ihren Sohn in Augenschein und war glücklich, dass es ihm gut ging.

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