Adventskalender

5. Dezember

Der magische Schlitten


Langsam rückte die Adventszeit mit ihren vielen Geheimnissen und Wünschen näher. Überall im Dorf schimmerten hinter den Fensterscheiben Kerzen und obwohl die Parkinsons eher zurückgezogen lebten und kaum Kontakt zu den Muggeln in ihrer Nachbarschaft hatten, war es auch bei ihnen so, dass das Haus festlich geschmückt wurde.

Auf den ersten Blick wirkte die Dekoration aus Tannengirlanden ganz normal, im Innern des Hauses bemerkte man jedoch, dass dort Zauberer lebten.
Der Weihnachtsschmuck, der schon seit Generationen im Besitz der Familie Parkinson war, war lebendig und die Feen mit ihren hübsch schimmernden Flügeln, die eigentlich die Girlanden verzieren sollten, schwirrten den Besuchern frech um die Köpfe und trieben allerlei Schabernack.
Die Wichtel mit den roten Zipfelmützchen verteilten sich im ganzen Haus und dachten nicht im Geringsten daran, an ihrem angedachten Platz stehen zu bleiben.
Sie wuselten durch die Zimmer und wenn man nicht aufpasste, stolperte man über sie. Zumindest wurde das Dekorieren nicht langweilig und die Zimmer sahen immer anders aus.

Der vierjährigen Pansy gefiel das allerdings besonders gut und so sauste sie wie ein Wirbelwind hinter den Wichteln her, was die Erwachsen nun wirklich ins Straucheln brachte, ihnen aber auch das eine oder andere Schmunzeln entlockte.

Die kleine Hexe liebte die Adventszeit mit ihren kleinen und großen Geheimnissen und konnte es gar nicht abwarten, bis sie jeden Abend ein Türchen ihres magischen Adventskalenders aufmachen durfte.
Jetzt saß sie in der Küche und sah zu, wie die Mutter mit einer lässigen Bewegung ihres Zauberstabes die Plätzchen in eine Dose schweben ließ und ihrer Tochter eines reichte.

Pansy rutschte von ihrem Sitzplatz herunter, lief eilig zu ihrem Großvater und hielt ihm eine Hälfte ihres Keks’ hin.
"Danke, Süße. Das ist aber lieb von dir. Das erste Plätzchen schmeckt doch immer noch am besten, nicht wahr? Sag mal, was wünschst du dir eigentlich vom Weihnachtsmann?", fragte er das Mädchen.
"Einen Schlitten, wie ihn die anderen Kinder auch haben. Das wäre schön", meinte die Kleine mit leuchtenden Augen.

Der Großvater hatte schon bemerkt, wie sehnsüchtig Pansy aus dem Fenster geschaut hatte, wenn die anderen Kinder zum Rodeln gegangen waren. Daher war ihm der Gedanke gekommen, einen Schlitten zu bauen. Offensichtlich hatte er damit genau ins Schwarze getroffen.

Die Erwachsenen tauschten Blicke und sahen dann lächelnd zu, wie die junge Hexe ihrer Lieblings­vorweihnachts­beschäftigung nachging: Wichtel jagen.

Am Abend, sie wartete schon ungeduldig darauf, durfte sie endlich ein weiteres Türchen ihres magischen Adventskalenders öffnen. Verzückt hielt sie ein winziges, goldenes Einhornfohlen in der Hand, das immer wieder auf die Hinterbeine stieg und dabei den Kopf schüttelte. Sie liebte diese kleinen magischen Figuren und freute sich über jede einzelne, die sie aus ihrem Kalender nehmen durfte.

Pansy stellte sie nebeneinander auf ihren Nachttisch und krabbelte ins Bett. Mit einem letzten Blick auf das Fohlen schloss sie die Augen und war wenig später im Land der Träume, wo sie mit den Nachbarskindern auf dem kleinen Hang im Dorf Schlitten fuhr. Im Traum ließen die sie mitspielen, was sie ihr im wirklichen Leben verwehrten.

Unterdessen arbeitete ihr Großvater weiter an dem Schlitten. Während er feilte, raspelte und schnitzte, unterhielten sich die anderen über dies und das.
Schließlich war er soweit, dass er die einzelnen Holzteile mithilfe eines kleinen Zaubers zusammenfügen konnte.

Die Sitzfläche bestand aus einem Geflecht in Silber und Grün, das mit einem Wärmezauber versehen und wasserabweisend war. Die Seitenwände bemalte er grün und brachte in silbernen Lettern den Namen seiner Enkelin an - "Pansy".

Pansys Mutter holte eine große grüne Schleife aus der Küchenschublade und band sie liebevoll um das Geschenk. Dann versteckten sie den Schlitten magisch, so dass Pansy ihn, allen Bemühungen zum Trotz, bis Weihnachten nicht finden würde.

Die Tage vergingen für Pansy viel zu langsam und die Eltern beobachteten sie lachend, wie sie immer wieder zum Kalender flitzte, um nachzusehen, ob schon wieder ein Tag vergangen war und sich ein neues Türchen öffnen ließe.

Sie wurde zappeliger, je näher Weihnachten rückte.

Und endlich war es so weit. Sie durfte das letzte Türchen öffnen, betrachtete begeistert das kleine Schlittenmodell, nicht ahnend, dass genau dieses in Groß am nächsten Tag auf sie warten würde.

Am nächsten Morgen erwachte sie bereits im Morgengrauen. Es fiel ihr unendlich schwer, im Bett zu bleiben und sie verstand nicht, wie Erwachsene an so einem besonderen Tag lang schlafen konnten.

Leise schlüpfte sie aus dem Bett und sah in den bunten Strumpf, der in passender Höhe, prall gefüllt, am Kamin hing.
Selig betrachtete sie die Naschereien und griff hinein. Mit einem Schokofrosch kehrte sie in ihr Bett zurück und packte ihn aus. Ehe er davon springen konnte, hatte sie ihn fest gepackt.
Die Karte war im Augenblick nicht interessant, denn sie konnte ja noch gar nicht lesen. Das Bild darauf war hübsch, und die Hexe sah lustig aus, aber sie kannte ihren Namen nicht.

Endlich hörte sie Geräusche im Nebenzimmer. Ihre Eltern standen auf und es dauerte nicht lang, da öffnete sich die Tür und ihre Mutter holte sie ins Wohnzimmer.
Unter dem festlich geschmückten Weihnachtsbaum stand ein riesiges, in grün-silbernes Papier eingewickeltes Geschenk, das sofort die Aufmerksamkeit des Mädchens fesselte.
Sollte das etwa…?
"Ist das für mich?", fragte sie ungläubig und als ihre Eltern lächelten, lief sie darauf zu und riss eilig das Papier auf.
Tatsächlich! Vor ihr stand der wundervollste Schlitten, den sie sich vorstellen konnte. Am liebsten wäre sie sofort hinausgerannt und hätte ihn ausprobiert, aber ihr Vater meinte, dass die dünne Schneedecke nicht ausreichen würde.

Gestern Abend hatte sie extra noch einmal aus dem Fenster geschaut und den Wunsch nach ganz viel Schnee sehr deutlich ausgesprochen. Nicht, weil sie von dem Schlitten wusste, sondern weil sie den Schnee so gerne mochte. Er knirschte lustig unter ihren Schuhen und man konnte Figuren damit formen.

"Nach dem Frühstück können wir ihn ausprobieren. Es ist ein magischer Schlitten, der im Gegensatz zu denen der Muggel auch allein den Berg hinauffährt. Du solltest ihn also nur nehmen, wenn dich keiner sieht." Der Großvater lächelte sie an und freute sich über die Begeisterung seiner Enkelin.

"Aber es liegt zu wenig Schnee. Und außerdem wollen mich die anderen Kinder eh nicht dabei haben. Nur weil ich eine Hexe bin."
"Sie wissen es doch gar nicht, Schätzchen. Sie plappern nur nach, was ihnen die Eltern vorgeben. Vielleicht kannst du mit dem Sohn von Lucius ein wenig rodeln, dann wärst du nicht allein. Und außerdem, schau mal aus dem Fenster. Es hat die ganze Nacht geschneit."
Jubelnd rannte Pansy zum Fenster und sah hinaus. Tatsächlich, die Mutter hatte recht. Es reichte für eine ausgedehnte Rodelfahrt. Ihr Vater hatte sie angeflunkert und zwinkerte ihr belustigt zu.

Während des Frühstücks sprang sie ständig auf und lief zum Fenster, um zu sehen, ob der Schnee noch da war. Schließlich erbarmte sich der Großvater und legte die Serviette beiseite.
"Los, gehen wir. Ich will sehen, ob das gute Stück was aushält."

Stundenlang waren sie draußen, bis der Wärmezauber versagte und es Pansy zu kalt wurde.

An dieses Weihnachten vor vielen, vielen Jahren dachte sie noch lange zurück, auch als sie längst in Hogwarts zur Schule ging und sich zu alt für Rodelpartien glaubte. Der Schlitten befand sich auf dem Dachboden, wohl verpackt und wartete darauf, eines Tages wieder benutzt zu werden.

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