Adventskalender

18. Dezember

Marys Weg zurück ins Leben

Es war der Abend vor Weihnachten. Draußen herrschte klirrende Kälte. Drinnen herrschte eine eher unangenehme Stille. Nur das prasselnde Feuer aus dem Kamin war zu hören. Mary MacDonald saß wieder einmal alleine und las.
Mittlerweile war sie fünfundsechzig Jahre alt. Vor fast dreißig Jahren starben ihr Mann und ihr damals siebenjähriger Sohn bei einem Angriff von Todessern. Seitdem war Mary MacDonald allein auf der Welt. Jeder Tag war mit Einsamkeit und Sehnsucht völlig ausgefüllt.
Doch plötzlich erstarrte sie, denn es gab einen lauten Knall in ihrer unmittelbaren Umgebung. Schnell schaute sie auf, um sich zu orientieren. Sie saß in ihrem Haus vor dem Kamin, doch woher kamen die Geräusche?
„Matthew! Was hast du dir dabei gedacht?“, schrie eine hysterische Frauenstimme.
„Ich…ich wollte das nicht“, sagte eine Jungenstimme leise und weinerlich. „Ich hab nur ausversehen das Fenster getroffen.“
„Aber von einem Schneeball geht kein Fenster zu Bruch! Was war in dem Schneeball?“ Die Frauenstimme wurde immer ungehaltener.
‚Was? Fenster? Schneeball?‘, dachte Mary und war nun hellwach. Sie vergewisserte sich nochmal, dass sie keinen Fernseher laufen hatte, aber der Bildschirm war schwarz. Nun kroch Kälte an die Füße von Mary und sie sah instinktiv zum Fenster.
Und dort war es…ein Loch. Schnell war Mary am Fenster und blickte hinaus. Da war auch die Frau mit dem Jungen, der nun bitterlich weinte.
„Nun lassen Sie doch den Jungen in Ruhe“, krächzte Mary. „Es ist doch nichts passiert. Das Fenster kann man ja reparieren.“
Nun schreckte die Frau hoch. „Was meinen Sie?“
„Das mit dem Fenster ist nicht so schlimm. Das kann man reparieren.“
Mary ging nun, eine Decke um die Schultern gelegt, zur Haustür und öffnete sie. Die kühle Luft ließ sie zittern, doch sie beachtete sie nicht.
„Das kann doch mal passieren. Meine Fenster sind schon alt und zerbrechen schnell.“
Mary sah fasziniert zu dem kleinen Jungen hin. ‚Ein neuer, kräftiger Zauberer‘, dachte sie erfreut.
Doch plötzlich schwankten Mary die Knie. Der kleine Junge sah ihrem Sohn so sehr ähnlich, dass sie dachte, Philipp stände vor ihr. Nur die Farbe der Augen war anders und die Haare etwas länger.
„Geht es Ihnen gut?“, fragte die Frau zögerlich.
„Wie heißt du denn?“, fragte Mary den Kleinen.
„Matthew“, schluchzte der Junge.
„Gut Matthew, nun hör mal auf zu weinen. Ich bin dir nicht böse.“
Der kleine Junge sah Mary mit seinen samtbraunen, großen Augen an. „Sind Sie nicht?“
„Nein“, lachte Mary. „Und ich will dir auch verraten warum: Du hast mich gerettet.“
„Ich hab Sie gerettet?“ Matthew verstand die Welt nicht mehr.
„Ja. Du bist der erste Mensch, mit dem ich seit dem Tod von meiner Tochter und meinem Mann wirklich rede.“
„Oh, das tut mir leid“, flüsterte Matthew. „Meine Mama und mein Papa sind auch nicht mehr da.“ Traurigkeit machte sich breit. Mary konnte nur ahnen, wie schlimm dieser Verlust für Matthew ist. Sie sah sich um und bemerkte, dass sie beide alleine dastanden. Hastig blickte sie die Straße rauf und runter. Die hysterische Frau war gerade damit beschäftigt, die anderen neun Kinder zum stoppen zu bewegen.
„Und wer ist die Frau, die mit dir geschimpft hat?“
„Das ist Mrs Owen. Sie ist unsere Weihnachtserzieherin. Eigentlich macht das sonst ja Mr Goerge, aber der liegt im Krankenhaus, weil er sich das Bein gebrochen hat.“
Mary wurde auf einem Mal warm ums Herz. Sie musste etwas tun. Die Frau war ja völlig überfordert mit den zehn Kindern.
„Wartest du hier kurz?“
Matthew nickte. So schnell es ging, lief sie ins Haus, schnappte sich ein paar Sachen, löschte das Feuer im Kamin, reparierte das Fenster provisorisch mit einer Plane – sie durfte ja in Matthews Gegenwart nicht zaubern – und ging wieder zu Matthew.
„Matthew, wo bleibst du denn?“, schrie Mrs Owen noch immer hysterisch.
„Huch, wir sollten uns beeilen, bevor Mrs Owen Mr Goerge im Krankenhaus noch Gesellschaft leistet“, meinte Mary schmunzelnd und fasste Matthew an der Hand.
Schnell hatten sie die anderen eingeholt.
„Was machen Sie denn?“, fragte Mrs Owen.
„Ich bringe Ihnen Matthew zurück. Sie haben ihn einfach bei mir stehen gelassen.“
„Oh“, Mrs Owen errötete. „Dann danke ich Ihnen. Nun komme ich wieder allein zurecht.“
Mary MacDonald lachte. „Das glaube ich nicht. Ihnen entlaufen da gerade wieder zwei Kinder.“
Mary zeigte die Straße herauf und Mrs Owen folgte ihrem Blick.
„Das darf doch nicht wahr sein.“
„Darf ich Ihnen nun helfen?“
„Ja, meinetwegen. Aber erwarten Sie kein Geld dafür. Das hier sind Waisenkinder, die können Ihnen nichts geben!“, meinte Mrs Owen schnippisch und rannte den beiden Kindern hinterher.
„Und ob ihr das könnt. Mit leuchtenden Augen zahlt ihr viel mehr als mit Geld“, erklärte Mary den übriggebliebenen Kindern, denen das Entsetzen ins Gesicht geschrieben stand.

Eine halbe Stunde später waren die Kinder, Mrs Owen und Mary im Waisenhaus angekommen. Schnell machte Mary ein Feuer im Kamin.
„Wie konnten Sie das Feuer nur löschen? Draußen ist so eine klirrende Kälte, dass der große Raum schnell auskühlt“, nahm sich Mary Mrs Owen zur Brust. Doch diese war gerade in einen Sessel gesunken und nicht nur körperlich erschöpft.
„Es tut mir leid. Ich mache das zum ersten Mal. Ich hab Semesterferien und brauchte etwas Geld“, erklärte die junge Frau.
„Gut. Dann ruhen Sie sich mal aus“, sagte Mary streng. „So Kinder, wer möchte eine schöne Tasse heiße Schokolade?“
Zehn Hände streckten sich in die Luft.
„Nana, nun mal nicht so zaghaft. Ich bin Mary und wir gehen jetzt in die Küche. Wer zeigt mir wo es lang geht?“
Nun versuchten alle zehn Kinder Mary an die Hand zu nehmen, um sie in die Küche zu begleiten. Schnell waren die Tassen Kakao und zwei Glühwein zubereitet.
„So, und wer mag mit mir nun etwas basteln? Ihr habt es ja noch gar nicht so wirklich weihnachtlich.“
„Wir haben die Kiste mit den Kugeln und Sternen auf dem Dachboden verstaut. Aber Mrs Owen mag da nicht hochklettern. Sie meint, dass es jetzt viel zu spät dafür ist“, sagte ein Mädchen traurig.
„Nana, für so etwas ist es nie zu spät. Den Baum habt ihr ja immerhin schon stehen.“
Mary überlegte. „Also gut. Dann klettere ich hinauf.“
Die Kinder jubelten.
„Aber nur, wenn ihr den Baum schmückt und hinterher ein paar Windlichter mit mir bastelt.“
Voller Begeisterung umarmten die Kinder Mary. Einige waren so stürmisch, dass sie beinahe umfiel.
„Vorsicht. Ich bin nicht mehr die Jüngste“, lachte sie.

Kurz darauf erstrahlte am Weihnachtsbaum die Lichterkette. Mrs. Owen war so geschafft, dass sie auf ihrem Sessel eingeschlafen war.
„Wir werden Sie mal schlafen lassen“, erklärte Mary und die Kinder schmückten leise den Baum weiter.
„Und nun fehlt noch die Spitze. Matthew, kletterst du auf die kleine Leiter und befestigst sie?“
Matthews Augen strahlten.
„Ja!“, sagte er und kletterte hinauf.
„So einen schönen Baum hatten wir noch nie“, meinte Lea. „Danke Mrs Mary!“
„Einfach nur Mary reicht völlig“, schmunzelte sie. „Ja, aber so ganz sind wir noch nicht fertig. Lasst uns jeder noch ein Windlicht basteln. Dann haben wir unterschiedliche Farben im Raum. Ich habe hier einige Blätter Transparentpapier gefunden.“
Schnell setzten sich die Kinder an den Tisch. Jeder nahm sich ein paar Blätter Papier. Einige hatte zwei oder drei Farben, andere nur eine.
„So, ich mach euch mal die Schablone. Dann könnt ihr sofort loslegen“, erzählte Mary rasch, während sie auf einem Stück Pappe ein regelmäßiges Fünfeck zeichnete. Dazu zog sie einen sechs Zentimeter langen Strich und maß an beiden Enden einen Winkel von 108° ab. Mit dieser Neigung zog sie erneut einen Strich von sechs Zentimeter. „So, nun könnt ihr euch jeder zehn Fünfecke abzeichnen und ausschneiden.“
Als alle damit fertig waren, ging es weiter.
„Nun nehmt ihr eure Fünfecke einzeln und faltet einen Rand zum gegenüberliegenden Rand“, Mary zeigte den Kindern einmal, wie sie das meinte. „Und das macht ihr nun mit jedem Rand, so dass eure Fünfeck nachher 5 Faltlinien besitzt. Aber seid sorgfältig.“
Zart und vorsichtig falteten die Kinder ihre Fünfecke. Hin und wieder musste Mary etwas helfen.
„Sehr schön. Nun nehmt ihr euch nach und nach eine Ecke und faltet sie so, dass ein neuer Falz zwischen die anderen Linien entsteht. Jetzt sieht es aus, als wenn ihr in eurem Fünfeck ein Stern habt.“
Auch hier musste Mary nur Lukas einmal helfen, dann hatte jeder seine zehn Fünfecke erneut zurechtgebogen.
„So, und nun nehmt ihr euch einen Klebestift und klebt ein Dreieck von einem Fünfeck und ein Dreieck von einem anderen Fünfeck zusammen. Aber nur je eines. Daran klebt ihr ein drittes Fünfeck und ein viertes und noch ein fünftes. Zum Schluss klebt ihr ein Dreieck vom ersten Fünfeck und vom fünften zusammen und erhaltet einen ‚Ring‘. Dasselbe macht ihr nun mit den anderen fünf Fünfecken.“
Nun begann munteres Kleben. Der eine nur einfarbig, der andere in einer Art Schachbrettmuster, der nächste kunterbunt… Aber alle ruhig und gelassen. Mary war mittlerweile froh, dass Matthew ihr mit dem Schneeball das Fenster zerstört hat. Die leuchtenden Kinderaugen hatte sie vermisst. Die Arbeit mit Kindern machte ihr Spaß, auch wenn sie im Moment nicht zauberte. Es war ein herrliches Gefühl.

„Fertig“, sagte einer nach dem anderen.
„Gut. Mensch, ihr seid ja toll. So“, sagte Mary und schaute sich um. „Nun müssen wir nur noch die beiden Ringe zusammensetzen. Einfach übereinander halten und dann Dreiecksecke für Dreiecksecke zusammenkleben.“
Mary machte es vor und die Kinder nach. Die kamen mit ihren schmalen Fingern natürlich besser in die Ringe, aber Mary hatte ein Händchen dafür.
„So, und nun sucht euch alle einen schönen Platz für euer Windlicht und ich stell dort ein Teelicht hinein und dann machen wir das Licht aus und ich erzähle euch noch ein Weihnachtsmärchen.“
„Auja“, tönte es freudig durch den Raum.


„Aber vorher holt ihr euch alle ein Kissen und eine Decke hinunter, wir schlafen unter dem Weihnachtsbaum und warten auf das Christkind.“
Schnell liefen die Kinder nach oben und holten ihr Bettzeug. Derweil schimmerten aus allen Windlichter Kerzenschein in allen möglichen Farben.
Die Kinder scharrten sich um Mary, die sich in der Nähe des Kamins in einen Sessel setzte. Mrs Owen beachtete keiner mehr, denn sie schlief den Schlaf des Gerechten.
„Der Weihnachtsmann geht durch den Wald…“

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