Adventskalender

13. Dezember

Snapes Erinnerungen

Es war kalt und dunkel. Sehr kalt und sehr dunkel. Die Straßen waren menschenleer und auch kein Tier war weit und breit zu sehen. Einzig kleine Schneeflocken tanzten lautlos im Wind. Die wenigen Straßenlaternen gaben nur ein gedämpftes Licht ab, denn auf dem Glas befand sich schon eine dicke Eisschicht. Obwohl auf den ersten Blick alles wie eine ganz normale Winternacht aussah, war es eine besondere Nacht. Es war Heiligabend.
Das Leben spielte sich hinter den geschlossenen Türen und heruntergelassenen Jalousien ab. So stand die dunkle Einsamkeit draußen in starkem Kontrast zu der fröhlichen Geselligkeit in den Häusern. Die Menschen feierten, umgeben von ihren Liebsten, Weihnachten. So auch in Spinnerís End.

Nur im allerletzten Haus der Straße schien die Stimmung auch ins Innere gedrungen zu sein. Nur eine kleine Deckenlampe, die statt einer Glühbirne eine Kerze enthielt, brannte und es schien, als versuchte sie verzweifelt, wenigstens etwas warmes Licht in das düstere Wohnzimmer zu bringen. Doch letztendlich wirkten die Schatten nur noch finsterer. Von Weihnachtsstimmung war nichts zu erkennen. Es war hier wie immer: alt, stickig und still.
In einem alten Sessel saß ein Mann mit langen, schwarzen Haaren. Seine stechenden, schwarzen Augen waren das Zwielicht gewohnt und so konnte er hervorragend in seinem Buch lesen. Es war ein sehr altes, schweres Buch mit dunkelbraunem Einband. Der Titel war mit goldenen Buchstaben geschrieben, doch waren sie kaum noch zu entziffern. Das Buch wirkte abgegriffen und oft benutzt. Gerade, als Severus Snape wieder eine Seite umblättern wollte, begann die Turmuhr zu schlagen. Das dumpfe Schlagen war kaum zu hören und doch schien es, die absolute Stille, die hier eben noch vorherrschte, zu zerschneiden. Severus hielt inne und wartete die elf Schläge ab. Sobald die gewohnte Stille wieder Einzug genommen hatte, klappte er das Buch zu und legte es auf den wackeligen Beistelltisch. Daraufhin erhob er sich langsam und ging in die Küche.

Auch sie wirkte schäbig und irgendwie verlassen. Severus nutzte sie auch kaum, den Keller mit Kessel und Zaubertrankzutaten hingegen täglich für mehrere Stunden. Wie er da nun so stand, still und unbewegt, in dem kleinen, dunklen Raum, kam eine gewisse Spannung auf. So, als wüsste er, dass das nun Folgende ihn viel Kraft kosten würde. Und so atmete er noch einmal tief ein. Er zog den Zauberstab aus seinem Ärmel, zögerte noch einmal kurz und begann. Er murmelte vor sich hin, schwang den Stab mal hierhin mal dorthin und plötzlich war die kleine, kaum benutzte Küche hell und voller Leben.

Schubladen und Küchentüren öffneten und schlossen sich. Schüsseln, Löffel, Küchenwaage sowie verschiedenste Nahrungsmittel flogen durch die Luft und landeten auf dem Tisch. Severus stand mitten drin und flüsterte vor sich hin. Außer seinen Lippen bewegte sich nichts an ihm, nur hin und wieder zeigte er mit dem Zauberstab in die eine oder andere Richtung. Der Gegensatz zwischen seiner Unbewegtheit und dem Trubel um ihn herum, schien aberwitzig und irreal, aber irgendwie auch richtig. So als müsste Severus von den Zutaten umflogen werden bevor diese auf der Waage landeten. Diese maß ab und sorgte für die richtige Zuordnung der Zutaten.
So kamen 150 g gehobelte Mandeln in der Pfanne, wurden geröstet und in eine Schüssel zum Auskühlen gepackt. Das Gleiche geschah mit 60 g gemahlenen Mandeln. 80 g getrocknete Kirschen sowie 80 g getrocknete Cranberries wurden zunächst fein gehackt und dann mit den Mandeln, 20 g gehackten Pistazien, 20 g fein gehacktem Orangeat, 2 g Salz, dem Mark einer Vanilleschote sowie 20 g Weizenvollkornmehl in einer Schüssel verrührt. Diese trockene Mischung kam anschließend erst einmal zur Ruhe. An anderer Stelle ging es mit einem flüssigen Mix weiter. Dafür wurden 50 g Butter, 125 ml Milch, 125 g Schlagsahne, 100 g Honig und die abgeriebene Schale einer unbehandelten Orange in einem Topf aufgekocht. Daraufhin flog die Schüssel mit der trockenen Mischung zum Herd und gab ihren Inhalt dazu. Das Ganze wurde unter ständigem Rühren eines Kochlöffels fünf Minuten abgeröstet. Im Anschluss musste die Masse etwas auskühlen.

Severus zeigte mit dem Zauberstab auf den Ofen, welcher sofort auf 170 Grad Celsius bei Ober- und Unterhitze vorheizte. Dann erwachte der Eisportionierer zum Leben und setzte aus der Masse kleine Berge auf ca. 35 Backoblaten, die einen Durchmesser von 50 mm hatten. Diese setzten sich dann auf ein Backblech, welches sich in die mittlere Schiene schob. Für 15 bis 20 Minuten herrschte wieder Stille. Doch die knisternde Spannung war fühlbar. Nachdem die Florentiner Berge aus dem Ofen kamen und auskühlten, ließ Severus noch 100 g weiße Kuvertüre schmelzen und das Gebäck damit streifenartig bespritzen. Dann war der Spuk endgültig vorbei und die Küche dunkel. Severus blickte auf die Florentiner Berge hinab. Er steckte den Zauberstab weg und griff mit seiner fahlen Hand in einen kleinen, dunkelgrünen Samtbeutel, den er bei sich trug. Vorsichtig zog er die Hand wieder heraus und öffnete sie. In ihr befanden sich kleine, grüne Pistazienhälften. Behutsam drückte er diese auf das Gebäck. Nun nahm er einen kleinen roten Teller und legte zwei der rötlich schimmernden Florentiner Berge darauf.

Mit dem Teller schlurfte er wieder zurück in das kleine Wohnzimmer. Er setzte sich in seinen Sessel und stellte den Teller zu dem Buch auf den kleinen Tisch. Ein kleiner Seufzer entglitt ihm. Er hatte es getan. Schon wieder. Wie jedes Jahr seit Lilys Tod hatte er ihr Lieblingsgebäck gebacken. Er sah Lily vor sich. Er sah ihr glückliches Gesicht, strahlende grüne Augen und wohlgepflegtes rotes Haar. Er hörte ihre Stimme, ihr Lachen und fühlte sich ihr für einen Augenblick ganz nah. Severus schaute beinahe liebevoll auf das rötliche Gebäck und die grüne Pistazie. Rot und Grün. Lily. Seine Augen wurden feucht. Der Weihnachtszauber war da. Nicht in seinem Zimmer sondern in ihm. In seinem Herzen. Weihnachten, das Fest der Liebe.

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