Adventskalender

1. Dezember

Die Wunschmünze

Es schneit schon seit Tagen.
Dicke Flocken rieseln vom Himmel, bilden einen fluffigen weißen Flaum auf der steinernen Fensterbank des kleinen Kinderzimmers im obersten Stockwerk des Grimmauldplace 12.

Regulus sitzt in seinem Zimmer mit der silbrigen Seidentapete und den dicken Samtvorhängen, auf der anderen, trockenen und warmen Seite der Fensterbank, und drückt die Stirn gegen die kalte Fensterscheibe.
Mit seinem Zauberstab zeichnet er Eisblumen nach, die sich bei der Kälte draußen auf dem Glas gebildet haben.
Gleich würde seine Mum rufen und ihn bitten, das Haus zu schmücken. Die obligatorischen Misteln, Stechpalmen und Lorbeerblätter hatte er bereits entdeckt, als er am gestrigen Nachmittag aus Hogwarts kam.
So Muggel verachtend wie seine Eltern sind, halten sie trotzdem an Traditionen fest, obwohl es die der Muggel sind.
An Weihnachten rücken die gravierenden Unterschiede der Zauber- und Muggelwelt in den Hintergrund.

Er freut sich auf Weihnachten, auf das leckere Essen und natürlich auf die Geschenke, unter denen er sich einen schnelleren Besen und einen neuen Quidditchumhang erhofft, denn der alte zeigt doch inzwischen deutliche Gebrauchsspuren von dem harten Training und den nicht weniger harten Aufeinandertreffen bei diversen Spielen.

Regulus steckt den Zauberstab in seine Umhangtasche und lauscht auf die Geräusche im Haus, die von eifrigen Festtagsvorbereitungen zeugen.
Zweige rascheln und die Papiergirlanden knistern. Girlanden? Er lacht leise und sieht die silbernen Papierschlangen vor sich, die seine Mum seit Jahren in einer Truhe hütet wie einen kostbaren Schatz und wegen denen er mit Sirius in einen emsigen Wettstreit verfallen ist, wer denn die meisten Schlangen färben konnte, bevor die Eltern es bemerkten.
Sirius zauberte die Schlangen rot und er, Regulus, färbte sie selbstverständlich grün, bis die Eltern sie dabei erwischten und Sirius deshalb vom Festessen ausgeschlossen wurde.
Wie unter Geschwistern üblich, hatten sie sich oft gezankt und tun es auch noch immer, wenn sie in Hogwarts aufeinander treffen.

Dieses Weihnachtsfest wird anders werden ohne Sirius, der im Sommer nach einem hässlichen Streit das elterliche Haus verlassen hat.
Ruhiger, langweiliger.
Obwohl er Sirius seltsame, moderne Ansichten, was die Reinheit des Blutes betrifft, beim besten Willen nicht versteht, fehlen ihm inzwischen zu Hause die kleinen Kabbeleien mit seinem großen Bruder. Das Messen untereinander und die kleinen Wortgefechte hinter dem Rücken ihres Vaters, den sie ehrfürchtig Sir nennen.
Ja, das diesjährige Fest wird wirklich anders werden.

Als er die ungeduldige Stimme seiner Mutter hört, springt er auf, stürmt aus dem Zimmer und wirft die Tür hinter sich zu.
Schwungvoll nimmt er die erste Biegung der Treppe und schwingt ein Bein über den Handlauf, um den weiteren Weg rutschend fortzusetzen.
Mit leichter Schräglage, wie von Sirius abgeschaut, meistert er Kurve um Kurve und springt grinsend im unteren Stockwerk vom hölzernen Geländer, seinem Vater vor die Füße.
"Hallo Dad... ähm... Sir", verbessert er sich rasch, als er die missbilligend hochgezogene, schwarze Augenbraue bemerkt. "Mum hat mich gerufen", versucht er sein Verhalten zu rechtfertigen und zwängt sich an seinem Vater vorbei, bevor dieser mit der Litanei über ungebührliches Verhalten beginnt, die Regulus schon auswendig kennt.

Voller Vorfreude nimmt er von seiner Mutter die entnargelten Mistelzweige in Empfang und lässt sie mit locker ausgeführten Zaubern über den vielen Türen im ersten Stockwerk des Hauses schweben. Nicht, dass er es aufs Küssen anlegt! Ih, nein, wirklich nicht!
Aber er will seine Cousine und deren Freund darunter locken. In Gedanken reibt er sich die Hände.

Nachdem die Misteln mit den grünen Blättern und den kleinen weißen Perlen sicher über den Türen angebracht sind, widmet er sich den immergrünen Lorbeerzweigen mit den roten Schleifen, welche er an die Deckenlampen und Fensterrahmen hängt. Dann kommen die glänzenden Stechpalmen an die Reihe. Wände und Simse werden damit verziert und auch über den Kaminen befestigt er welche.

Regulus grinst und schiebt ganz leise die Tür zum Salon auf. Er weiß, dass sein Dad dort den Tannenbaum schmückt und er freut sich darauf, dieses Jahr mit dem neu gelernten Accendozauber die Kerzen anzuzünden. Bisher durfte Sirius als der Ältere der Brüder dies tun, nun war Regulus an der Reihe, diese Familientradition fortzuführen.

Im Kamin flackert ein Feuer und auf dem breiten Marmorsims stehen Karten. Glückwünsche der weit verbreiteten Familie Black. Bunte Karten mit viel Grünzeug, mit Feenstaub bestreuten Sternen oder magisch flackernden Kerzen. Selbst eine mit winzigen Rentieren, die einen Schlitten ziehen, ist dabei.
Regulus zählt sie, obwohl er genau weiß, wie viele Karten es sind. Seine Mutter führt peinlichst genau eine Liste darüber, welche entfernte Tante schon geschrieben hat und welcher Onkel mit den Weihnachtsgrüßen im Verzug ist. Auch die "Freunde" der Familie sind in alphabetischer Reihenfolge darauf vermerkt und abgehakt.

Kreacher, mit einem farblich passenden Handtuch bekleidet, huscht an ihm vorbei.
"Frohe Weihnachten, Master Regulus", piepst Kreacher und Regulus grinst.
Dem Hauselfen hat er es zu verdanken, dass in seinem Zimmer am Kamin nun ein riesiger, gestreifter Weihnachtsstrumpf hängt. Selbst gestrickt, nur nicht von ihm, denn Stricken ist noch nie sein Ding gewesen. Dafür hat man Hauselfen.

Rasch, bevor sein Dad ihn aus dem Zimmer werfen kann, schließt Regulus die Tür. Pfeifend zieht er die Papiergirlanden, die natürlich wieder grün-silbrig sind, durchs Haus und ein klein wenig bedauert er, dass Sirius nicht da ist.
Aber: kein Sirius mehr Geschenke.

Am frühen Nachmittag trifft er sich mit einigen seiner Schulfreunde und läuft mit ihnen und vielen anderen Kindern, Weihnachtslieder singend, durch die Straßen Londons.

Silent night, holy night,
All is calm, all is bright
Round yon virgin mother and Child.
Holy Infant, so tender and mild,
Sleep in heavenly peace.

Viele Stimmen hallen durch die beleuchteten Straßen und mischen sich, ohne dass man Muggel von Zauberern unterscheiden könnte . Sie sind einfach normale Kinder, die sich auf Santa Claus und die vielen Geschenke am nächsten Morgen freuen.

Die Straßen, Gehwege, Dächer und Bäume sind weiß, das düstere London hat sich in ein Wintermärchen verwandelt.
Auf unzähligen Fensterbänken stehen flackernde Kerzen, die mit ihrem warmen Licht die verschneiten Vorgärten sanft erhellen.

Regulus schaut und staunt. Alles sieht so anders aus. So friedlich, hell, nicht mehr schmutzig grau.
Melodische Glöckchen erklingen hinter ihm und ein Pferd stapft an ihm vorbei. Es zieht einen Schlitten mit einem in dicke Decken gewickelten Pärchen darin.

Begeistert läuft Regulus mit seinen Freunden dem Schlitten nach. Sie winken und singen Jingle Bells

Dashing through the snow
On a one-horse open sleigh,
Over the fields we go,
Laughing all the way;
Bells on bob-tail ring,
Making spirits bright,
What fun it is to ride and sing
A sleighing song tonight.

Jingle bells, jingle bells,
Jingle all the way!
O what fun it is to ride
In a one-horse open sleigh.


Dann wird es Zeit, nach Hause zu gehen. Trotz Wärmezauber sind seine Füße nass und die Finger bitzeln vor Kälte. Außerdem freut er sich auf das Essen, gemeinsam mit seiner Familie und seinen besten Freunden, die dieses Jahr eingeladen sind, mit ihnen zu feiern.

Arcturus und Melania sowie Pollux und Irma, Regulus Großeltern, sind bereits da. Sie sitzen in bequemen Lehnstühlen, vertieft in eine angeregte Unterhaltung über die Unarten der Muggel, Jacken statt Umhänge zu tragen.
Onkel Cygnus und Tante Druella sitzen ihnen gegenüber. Tante Lucretia und Onkel Ignatius haben auch schon an der Tafel Platz genommen sowie ein Großteil der geladenen Verwandtschaft, wie er nach einem Blick in die Runde erkennt.
Narzissa ist mit ihrem Freund Lucius in der Küche, Regulus hört ihr schrilles Lachen und Bellatrix trifft eben mit ihrem Verlobten Rodolphus ein.

Regulus setzt sich zwischen seinen Freunden an den festlich gedeckten Tisch, die herzhaften Gerüche aus der Küche in der Nase. Auf den Tellern liegen bunte Knallbonbons, die einige Überraschungen verbergen, wie Regulus aus Erfahrung weiß. Er setzt seinen lila-gelb gestreiften Papierhut auf und grinst seine Freunde an, die sich erst weigern, sich dann nach gutem Zureden, mithilfe des Zauberstabs und den angedrohten Nettigkeiten in ihr Schicksal fügen. Als wäre so ein Hütchen etwas Schlimmes. Gut, es sieht ein wenig lächerlich aus, doch selbst sein Dad und Bellatrix beteiligen sich an diesem kleinen Spaß, wenn auch mit verkniffenen Mundwinkeln und leicht gequält wirkenden Gesichtern.

Es dauert nicht lang, da servieren die Hauselfen das traditionelle, magisch veränderte Festmahl. Wie jedes Jahr gibt es Truthahn mit einer leckeren Füllung, die dank einem Hauch Elfenmagie auf der Zunge knistert und ein kleines Feuerwerk im Mund veranstaltet, Bratkartoffeln und Rosenkohl. Die Würstchen in Speck und das obligatorische Preiselbeerkompott fehlen natürlich auch nicht. Es schmeckt so lecker, dass sich Regulus ein zweites und drittes Mal davon nimmt und erst danach satt und rundum zufrieden in seinen Stuhl zurück sinkt.

Sie lassen die obligatorischen Knallbonbons krachen, schütteln das Konfetti von den Hüten und sammeln lachend die kleinen Geschenke ein, die sich über den ganzen Tisch verteilen. Lakritzstangen, die die Farbe wechseln, winzige fliegende Besen, Zettelchen mit Witzen und klugen Sprüchen, Zimtsterne, rosarote Gummifledermäuse, Zauberschachfiguren, lustige Partyhütchen und vieles Andere.
Reihum lesen sie die Sprüche vor und amüsieren sich gemeinsam über die orakelhaften Ratschläge.

Regulus fühlt sich wohl im Kreise der Familie und seiner Freunde. Er denkt an seinen Bruder, dem Weihnachten zu Hause nie gefallen hat und schiebt den Gedanken rasch beiseite, als Kreacher, noch immer mit seinem roten Handtuch bekleidet, emsig darauf bedacht, seinen Herren zu dienen, den Christmas Pudding serviert, mit einer hellbraunen Flüssigkeit übergießt und mit einem leisen Fingerschnipsen anzündet.
In dem Plumpudding befinden sich nicht nur Nüsse und Früchte, sondern auch eine Goldmünze von einem Leprechan. Klein, unscheinbar, aber von großem Wert. Dem Finder wird ein Wunsch erfüllt und Regulus hofft mit aller Macht, diese Wunschmünze zu finden.
Und tatsächlich beißt er sich an seinem zweiten Stück Kuchen fast die Zähne aus. Strahlend spuckt er das Geldstück in seine Hand und schließt die Faust darum. Den Wunsch behält er ganz für sich allein.
Nichts Materielles soll es sein, daran mangelt es ihm nicht, nein, etwas ganz anderes, wofür ihn seine Eltern verachten würden.

Weit nach Mitternacht verabschieden sich die Gäste und Regulus verzieht sich in sein Zimmer. Sein Blick bleibt am Kamin haften, an dem der gestrickte, ungefüllte Strumpf baumelt.
Dieses Jahr will er wach bleiben, bis die Geschenke verteilt werden. Er stellt einen Teller mit Plätzchen und ein Glas Milch auf das Kaminsims, nicht weil er an den Weihnachtsmann glaubt, sondern weil es der Tradition entspricht.

Es ist so weit. Er hört Geräusche auf dem Dach. Ein Kratzen und Schaben. Etwas oder Jemand rutscht über die Schindeln zum Schornstein. Regulus zieht sich die Decke über den Kopf, lugt durch einen schmalen Spalt und sieht zu, wie eine dunkle, schmale Gestalt aus dem Kamin kriecht und hektisch die Flammen an dem auffälligen Weihnachtsmannskostüm ausschlägt. Dieser Jemand ist sichtlich bemüht, leise zu sein, kann jedoch ein Fluchen nicht unterdrücken. "Verdammt, er lässt das Feuer brennen".
Die Stimme kennt Regulus nur zu gut und auch die Beschimpfung "dieser kleine Idiot" kommt ihm bekannt vor.

Unter seiner Decke grinst er und drückt fest seine Wunschmünze. Dabei summt er kaum hörbar

Rudolph the Red-Nosed Reindeer
Had a very shiny nose
And if you ever saw it
You would even say it glows.

Der Weihnachtsmann bedient sich an den Plätzchen und stürzt die Milch in einem Zug herunter, bevor er sich am Strumpf zu schaffen macht. Regulus erkennt die geschmeidigen Bewegungen, als wären es seine eigenen. Dann verschwindet der heimliche Gast aus seinem Blickfeld.

Nach ein paar Minuten des Wartens wirft er die Decke ab und läuft zu seinem Weihnachtsstrumpf. Ein knautschiges Päckchen ist darin fühlbar und eine Karte. Neugierig angelt er das Geschenk aus dem Strumpf, reißt das Papier ab und zieht etwas Weiches hervor - einen grünen Schal mit silbernen Streifen und dem Hauswappen der Slytherins.

Auf der beigefügten Karte stehen nur wenige Worte.

Frohe Weihnachten!
Pass auf dich auf, kleiner Bruder.

Regulus strahlt, legt die Münze auf den Nachttisch und drückt den Schal gegen seine Wange.

"Frohe Weihnachten, großer Bruder. Ich hoffe, deine Wünsche erfüllen sich ebenso wie meine", flüstert er und kuschelt sich unter seine Decke.
Den Schal, den Sirius wohl nur mit großer Überwindung erstanden hat, hat er um seinen Hals geschlungen.
Vorsichtig legt er die Karte, die ihm wichtiger ist als der teuere Quidditchumhang von seinen Eltern, unter das Kopfkissen und träumt von seinem schönsten Weihnachtsfest.

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