Adventskalender

18. Dezember


Der Wind heulte um das Haus. In den letzten Tagen hatte es sehr viel geschneit. Londons Straßen waren wie verwandelt und bereits für das nahende Fest geschmückt.
Auch das Treiben im Waisenhaus, war ein anderes, als das ganze Jahr zuvor. Viele Abende saßen die Waisenkinder zusammen, bastelten Fensterbilder oder studierten Weihnachtslieder ein. Es war ruhiger als sonst und weniger stressig. Nahezu alle Kinder freuten sich auf den Heiligen Abend. Nur einer hielt sich immer wieder aus dem Treiben und verweigerte die gemeinsamen Abenden mit anderen Menschen. Tom Riddle zog sich immer wieder in sein Zimmer zurück, gab vor für die Schule zu lernen oder ein Buch zu lesen. Weihnachten war ihm egal. Er hatte keine Familie, die ihn besuchen kamen und Geschenke brachten. Das hatten die anderen Kinder aber auch nicht. Bei Tom lag der Unterschied daran, dass er die meisten Menschen nicht mochte. Aber mit seinen acht Jahren wollte er das Getue anderer auch nicht mehr.
Es war am Samstag vor dem vierten Advent, als Tom wieder einmal durch ein Klopfen in seiner selbstgewählten Einsamkeit gestört wurde. Die Tür öffnete sich einen Spalt und widerwillig sah Tom von seinem Buch auf.
"Hast du nicht Lust, mit uns ein bisschen zu basteln”, fragte Mrs. Cole und trat einen Schritt in das karg eingerichtete Zimmer. Tom schüttelte vehement den Kopf. Mrs. Cole sog hörbar die Luft ein, dann versuchte sie einen weiteren Versuch, ihn doch endlich zu irgendwas zu motivieren.
"Ich will nicht”, sagte Tom nachdrücklich und starrte die Heimleiterin feindselig an, "Lass mich in Ruhe!” Der Gesichtsausdruck des Jungen verriet, dass er von seiner Meinung nicht einen Deut abweichen würde. Deshalb drehte sich die Frau um und verließ wortlos den Raum. Die Tür ließ sie aber offen. Tom war darüber verärgert, warf das Buch unsanft in eine Ecke und stand auf. Mrs. Cole war bereits wieder die Treppe hinunter gegangen, nur einige Kinder rannten herum und waren auf dem direkten Weg zum Speisesaal.
Aufgeregt stritten sie dabei, wer die bessere Schneekugel bastelte und welche Figur sie nehmen würden, um sie in die Kugel zu setzen.
"Tom, kommst du auch”, rief Amy, ein Mädchen mit langem Haar, das im selben Alter wie Tom war.
"Vergiss ihn”, sagte Billy, "Der Streber hat doch nicht alle Tassen im Schrank.” Für einen Moment war Tom geneigt, seine Zimmertür zuzuschlagen und sich in sein Reich zu verkriechen, doch Billys Worte gingen ihm nicht aus dem Kopf.

Tom betrat als letzter den Speisesaal. Zirka ein Duzend Kinder saßen um den riesigen Tisch herum. Mrs. Cole war noch dabei, die Utensilien für die Bastelei auf dem Tisch zu verteilen. In der Mitte des Tisches hatte sie eine große Anzahl verschiedener Gläser mit Schraubverschlüssen, die meisten waren einfache Marmeladengläser, aufgestellt. Daneben lag eine Tube wasserfester Klebstoff, etwas Knete, einige Gläser mit Glitter und sonstigem Glitzerkram, sowie ein riesiger Korb mit verschiedenen Figuren. An einem anderen Tisch stand ein Topf mit abgekochtem Wasser und Spülmittel bereit.
"Tom, das ist ja eine Überraschung”, begrüßte ihn Mrs. Cole und wies ihm einen freien Platz am Tisch zu.
"Wir wollen heute Schneekugeln basteln”, verkündete sie, als der Lärmpegel ein wenig gesunken war, "Ich habe alle Gläser schon mit heißem Wasser ausgespült. Also, wenn sich jeder mal ein Glas nehmen würde, können wir anfangen.”
Es gab eine kurze aber heftige Rangelei um die Gläser und Tom verfluchte sich, dass er sich durch Billys Worte dazu hatte anstiften lassen, sich an diesem Blödsinn zu beteiligen. Mrs. Cole beschrieb das weitere Vorgehen und als sie die Waisenkinder dazu aufforderte, sich eine der Figuren zu nehmen, war die kleine Gruppe nicht mehr zu halten. Alle Kinder stürzten sich auf den Topf und jeder wollte die schönste Figur haben. Es gab Zinnsoldaten, einfache Männchen aus Plastik und verschiedene Tiere. Eigentlich genug, dass für jedes Kind eine Figur da war. Doch es war ein Schneemann, um den sich die Kinder stritten. Billy beanspruchte ihn für sich und jeder, der auch nur den Versuch wagte, ihm diese Figur streitig zu machen, musste mit Schlägen rechnen. Auch Tom bekam das zu spüren und zog sich mit blutender Nase zurück. Die derbe Niederlage hatte Toms Ego stark angekratzt und Wut staute sich in ihm auf. Widerwillig wandte er sich dem Topf mit den restlichen Figuren zu. Viele waren nicht mehr darin und entweder waren sie beschädigt, oder abgrundtief hässlich. Letztendlich entschied er sich für eine giftgrüne Schlange mit riesigen lila Punkten. Obwohl auch er sie hässlich fand, streichelte er ihr über den Kopf.
"Billy wird mir das noch büßen. Viel Freude wird er nicht an seiner Schneekugel haben", flüsterte er der Schlange zu und wischte sich die blutige Nase an seinem Hemdsärmel ab. Den misstrauischen Blick seiner viel jüngeren Sitznachbarin bemerkte er nicht.
Sobald das Problem der Gläser und Figuren geklärt wurde, ging es in der Gruppe sehr viel friedlicher zu. Tom entschied sich dafür, die Schlange, die er zuvor ordentlich reinigen musste, mit Knete im Deckel zu befestigen. Einige benutzten den wasserfesten Klebstoff, um die Figur in den Deckel kleben. Das dauert zwar etwas länger, weil der Klebstoff erst trocknen muss, aber hält dementsprechend auch besser. Er schüttete etwas von dem Glitter in das leere Glas und füllte es in der Spüle mit dem abgekochten Wasser bis zum Rand auf. Zum Schluss gab er noch ein Schuss Spülmittel hinein, dann drehte er vorsichtig den Deckel darauf. Er hatte das Glück, dass der Deckel dicht war. Andere mussten den Rand des Schraubverschlusses mit Kleber einstreichen, damit das Wasser nicht auslief.
Mit seiner fertigen Schneekugel ließ Tom sich wieder auf seinem Stuhl nieder. Er schüttelte sie ein paar Mal und sah sich das "Schneetreiben" darin an, doch dann verlor er das Interesse daran. Billy hatte ebenfalls seine Schneekugel beendet und scharte die anderen Kinder um sich.
Tom wollte es nicht glauben, dass Billy ihn schon wieder geschlagen hatte, besser sein sollte als er. Der Wille nach Rache für den Schlag auf die Nase, für die erneute Niederlage und Demütigung festigt sich in Tom. Noch hatte er keine Ahnung, wie seine Rache aussehen sollte. Er wollte die Kugel zerstören und Billy verletzen. Noch während er Billy hasserfüllt anstarrte und sich einen Racheplan ersann, explodierte Billys Schneekugel aus unerklärlichen Gründen. Die Scherben flogen wild durcheinander, traf Billys Hand und schnitten eine tiefe Wunde ins Fleisch. Das Wasser ergoss sich auf dessen Schoß. Die Kinder sprangen erschrocken schreiend von Billy zurück, der ebenfalls erschrocken weinte. Mrs. Cole eilte zu Billy, untersuchte die blutende Hand und wickelte sie in ein Handtuch ein.
Die Heimleiterin schickte eine Helferin mit Billy los, um die Wunde nähen zu lassen, die anderen sollten auf Zimmer gehen. Tom griff nach seiner Schneekugel mit der hässlichen Schlange und verließ den Speisesaal. Niemand bemerkte den Anflug eines zufriedenen Lächelns auf seinen Lippen.
Abends im Bett schüttelte Tom erneut seine Schneekugel. Er war zufrieden und betrachtete den Glitter, wie er auf seine Schlange nieder regnete.
"Na, dem haben wir es aber gezeigt", flüsterte er zischelnd, ohne zu bemerken, dass er Parsel sprach, aber mit dem Verdacht, dass er nicht ganz unschuldig an Billys Unfall war.

Text und Bild: Altron

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