Das Klassentreffen

Tock, tock, tock. Die große braune Eule klopfte sachte gegen das Fenster des Wohnzimmers, in dem Ginny gerade den aktuellen Tagespropheten las. Schon von der Couch aus sah sie den großen pergamentfarbenen Briefumschlag, sie wusste sofort von wo er kam. Ginny runzelte die Stirn und stand auf, um das Fenster zu öffnen. Sie nahm den Brief von dem Bein der Eule und wollte dieser noch kurz über den Kopf streichen, aber da war sie schon losgeflogen. Ein leichtes Schmunzeln machte sich auf ihrem Gesicht breit, diese Schuleulen. Kein Vergleich zu den eigenen Eulen, die es in fast jeder Zaubererfamilie gab. Sie dachte an Ivan, die Sperbereule die Harry mit in die Ehe gebracht hatte, nachdem seine Hedwig ums Leben kam. Sie seufzte tief, eigentlich wollte sie nicht mehr an diese dunkle Zeit denken, die Zeit in der sie so viele enge Freunde und auch Familienmitglieder verloren hatten. Sie drehte den Brief um, er war an Harry adressiert.

"HARRY? HAAARRRY?", rief Ginny die Treppe hoch. Es dauerte nicht lange, da stand ihr Ehemann in der Tür, oberkörperfrei, die Haut leicht glänzend von seinem Schweiß. Er trainierte täglich, um in seiner Laufbahn als Auror fit genug zu sein. "Schatz, was bist du denn so aufgeregt?" Liebevoll nahm er seine Frau in den Arm und drückte ihr einen zarten Kuss auf ihre feuerroten Haare. "Du hast Post aus Hogwarts, hier, gerade hat eine Eule diesen Brief für dich gebracht. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was Hogwarts jetzt von dir will, James ist doch erst drei, und wir haben doch von Neville schon gesagt bekommen, dass er seinen Platz sicher hat, und …" "Schatz, pscht", sagte Harry und legte seiner Frau sachte seinen Finger an ihre Lippen. "Lass mich den Brief doch erst mal aufmachen, dann siehst du doch was drin steht."

Mit diesen Worten riss der schwarzhaarige Mann den Briefumschlag auf, seine grünen Augen huschten hastig von Zeile zu Zeile. "Jetzt sag schon, was steht drin?", fragte Ginny aufgeregt. "Wir haben ein Klassentreffen. Ende des Monats. Unser alter Jahrgang, Malfoy und Co. Ich seh doch Ron und Hermine so oft, da geh ich nicht hin." Ginny hob eine Augenbraue. "'türlich gehst du hin. Da sind ja auch andere, Seamus, Lavender und so. Geh hin Harry. Ich passe auf die Kinder auf, du musst ja nicht lange bleiben, aber das wird sicher lustig." Und mit einem tiefen Seufzer stimmte Harry zu. Vielleicht hatte seine Frau gar nicht so Unrecht.

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Ein lautes "Popp!" ließ die Raben, die im Umkreis nach Essbarem suchten, erschrocken hochfliegen. Ein dunkelhaariger Mann, dessen Haare die jetzt verblasste Blitznarbe erkennen ließen, trat vor das große Tor, welches ihn von Hogwarts, der Schule für Hexerei und Zauberei, trennte. Die Einladung fest in der Hand betrat Harry James Potter das Hogwarts-Schulgelände anlässlich des ersten Klassentreffens. Seit nunmehr 9 Jahren hatte er seine Klassenkameraden nicht mehr gesehen, mit Ausnahme von Ron und Hermine natürlich. Seine besten Freunde, die inzwischen verheiratet waren, sah er aufgrund seiner Ehe mit Rons kleiner Schwester Ginny, des Öfteren. Er lächelte bei dem Gedanken an Ginny und ihre gemeinsamen Kinder, während er die Tür zur Großen Halle aufdrückte.

Der Anblick, der sich ihm bot, war verblüffend ähnlich wie damals, als sie noch alle Schüler hier waren.

Draco Malfoy stand, lässig gegen die Wand gelehnt, in der Ecke zum Gyffindortisch. Er hatte sich wahrlich nicht verändert. Er war genauso blass und blondhaarig wie früher, seine Augen hatten immer noch diesen erschreckend intensiven Grauton, wenn überhaupt waren seine Gesichtszüge noch aristokratischer geworden. Harrys bester Freund Ron stand Malfoy gegenüber, sein Gesicht fast so rot wie seine typischen Weasley-Haare. Er war das genaue Gegenteil von Malfoy, in allen Aspekten. Slytherin und Gryffindor, Gelassenheit und Zorn, Beinahe-zu-Askaban-Verurteilter und Volksheld.

Hermine stand schräg hinter ihrem Ehemann und hatte beruhigend eine Hand auf seine Schulter gelegt, aber auch sie sah verärgert aus. "Ronald Weasley!" Harry blinzelte. Oh, sie machte Ernst. Was war bloß passiert? "Setz dich hin!", zischte die im Laufe der Schuljahre immer attraktiver gewordene Leseratte. "Du weißt was Neville gesagt hat! Wenn es Streitigkeiten gibt, müssen wir das hier abblasen!" Neville Longbottom, einer ihrer Mitschüler, war Lehrer für Kräuterkunde in Hogwarts geworden und war mit verantwortlich für dieses Treffen. Ron schnaubte frustriert und strich sich mit einer Hand durch die roten Haare. "Der legt's aber drauf an!", knurrte er. Harry trat näher und versuchte die Stimmung aufzulockern. "Was zur Hölle ist hier los? Ihr fangt doch nicht jetzt schon mit dem Zoffen an? Das steht doch erst für 21 Uhr auf dem Programm!"

Malfoy zog gekonnt eine blasse Augenbraue hoch, was Harry schlagartig einige Erinnerungen zurückbrachte. Ständiges Gepöbel auf den Fluren. Verbale Schlägereien vom Allerfeinsten. Sollte es damit jetzt weitergehen?

"Potter", er nickte kurz, was Harry verblüfft als Zeichen der Anerkennung deutete. "Für Flachwitze ist es auch noch zu früh. Das Wiesel und ich haben nur ein paar... gut gemeinte Ratschläge ausgetauscht. Kein Grund für den Oberhelden, sich aufzuplustern. Wieselchen hat auch ein Problem damit, dass ich an ‚eurem' Tisch sitzen werde." Er rollte mit den Augen. "Also wirklich! Wir sind vielleicht 40 Mann, überspitzt gesagt, wenn wir uns alle an unsere Haustische setzen, können wir schlecht miteinander reden! Selbst Granger hat das verstanden!"

Die Tür knarzte erneut, eher ein schrilles, hohes Quietschen. "Ron, Hermine? Ist Harry schon da?" Neville Longbottom trat ein. "Hey Harry!" Er grinste den Klassenkameraden an. "Wie geht's? Immer noch Auror?" Harry nickte. "Was könnte ich auch anderes machen? Böse Zauberer zu jagen ist ja schon fast von Anfang an eine Art Job für mich gewesen!"

"Ja, Potter gib ruhig wieder an, wie großartig du doch schon damals warst. Das wird uns sicher alle beeindrucken." tönte Malfoy spöttisch und schlenderte um den Tisch herum. Ron - der schon wieder einen hochroten Kopf hatte, was sich schrecklich mit seiner Haarfarbe biss - schien zu einer Erwiderung ansetzen zu wollen, wurde aber von einem lauten Knall hinter ihm abgelenkt und machte vor Schreck einen kleinen Hüpfer.

Hinter ihnen stieg Rauch zur verzauberten Decke auf. Seamus, der eine Flasche vom ehemalig großen Buffet in der Hand hielt und offenbar die Explosion - wie auch immer - verursacht hatte, war mindestens so knallrot wie Ron im Gesicht und stotterte verlegen eine Entschuldigung vor sich hin. Es dauerte eine Weile, bis die allgemeine Verblüfftheit sich legte. Dann fingen einige an, erinnerungsselig zu lachen und es dauerte nicht lange, da stimmten die anderen mit ein. Sogar Draco Malfoy konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Seamus wirkte etwas erleichtert.

"Ähm... tut mir Leid, da habe ich wohl das Mittagessen zerstört." murmelte er etwas unschlüssig.

Hermine, die mit dem Zopf ihre buschige Haarmähne nur etwas hatte bändigen können, winkte lächelnd ab. "Kein Problem, Seamus."

"Was soll das heißen Granger, kein Problem?", keifte Pansy Parkinson. "Natürlich ist das ein Problem, was sollen wir sonst essen?" Die ehemalige Slytherin hatte sich ohne ihren Mann auf den Weg zum Klassentreffen gemacht. Ja, Pansy Parkinson hatte geheiratet. Sie war nicht länger das kleine Mädchen, dass Draco Malfoy anhimmelte. Wahrscheinlich war der auch ganz froh darum. Sonderlich verändert hatte sie sich seit früher trotzdem nicht.

"Ich ähm... ich habe schon einmal vorgesorgt." erwiderte Hermine etwas verlegen und warf Seamus einen Seitenblick zu. "Ich habe mir schon gedacht, dass so etwas passieren wird." Sie zog einen kleinen Picknickkorb aus ihrer Handtasche hervor.

Lavender Brown näherte sich aus ihrer Ecke und warf verwundert einen Blick hinein. "Das ist doch nicht genug für uns alle." sagte sie skeptisch und drehte sich im Kreis, um die Anwesenden zu zählen: Pansy und Draco, die jeweils separat an den Säulen der Eingangshalle standen, Harry und Ron ein Stück weiter entfernt, Seamus mit verkohlten Haaransätzen am Tisch, Hermine neben ihr und sie selbst.

"Und wahrscheinlich auch nicht genug für alle, die noch kommen werden." fügte Pansy hinzu.

"Das ist kein Problem. Der Korb befüllt sich magisch wieder und er wird nie leer... glaube ich zumindest, so ganz ausgetestet habe ich das noch-"

Unterbrochen wurde sie von Ron, der ihr einen Kuss auf die Wange drückte. "Meine schlauste Hexe der Welt." sagte er voller Zuneigung und Hermine schenkte ihm einen verliebten Blick. Harry, der das ganze Geschehen beobachtete, lächelte in sich hinein. Nach all den Jahren schienen seine Freunde immer noch so frisch verliebt wie früher.

"Und wo sollen wir jetzt essen?"‚ fragte Draco mit hochgezogenen Augenbrauen. "Am Tisch ist es wohl kaum mehr möglich." Er nickte zum aschebedeckten Tisch.

"Wir picknicken draußen!", ergriff Lavender die Initiative und machte eine Miene, als würde sie keine andere Meinung akzeptieren. Draco seufzte auf, aber Harry schien einverstanden und nickte. "Das klingt gut. Dann mal los!"

Und alle Schüler und Schülerinnen, die schon eingetroffen waren, drängten sich hinaus. Es war schönster Sonnenschein und alle fanden es traurig, dass sie das Mittagessen nicht am gewohnten Ort zu sich nehmen konnten, aber die Sonne reizte sie ebenso, wie das vertraute sommerliche Sitzen am Ufer des Sees. Und der Krake streckte auch schon eine seiner riesigen Tentakel heraus, als fühlte er, dass er schon mit zur Gemeinschaft dieser Schule gehörte und gehört hatte.

"Ah, das freut mich aber sehr meine alten Freunde wiederzusehen und mit ihnen einen Tag in altgewohnter Umgebung zu verbringen." Neville ging auf jeden zu und schüttelte ihm die Hand.

"Justin hat sich irgendwie überhaupt nicht verändert, immer noch so pompös, aber einfach nett und liebenswert", sagte Hannah Abbot, die ja wie Hermine und Ron mit jemandem aus ihrem Schuljahr verheiratet war. Die Freunde waren ja bei ihrer Hochzeit mit Neville dabei gewesen und freuten sich auch, sie wiederzusehen.

Schnell war das Picknick ausgepackt und man sah auch die eine oder andere Hauselfe herbeieilen, um Getränke aus der Küche herbeizuschleppen. Oben stand Professor McGonagall und beobachtete kopfschüttelnd aber zufrieden lächelnd diese Karawane älter gewordener Kinder.

Und dann kam jemand aus dem Verbotenen Wald, mit dem sie alle nicht gerechnet hatten, weil sie eine Klasse tiefer war als Harry oder Draco. Es war Luna Lovegood, mit einem engmaschigen Netz in der Hand und einer merkwürdig aussehenden Brille auf der Nase. Sie verhüllte fast ihr ganzes Gesicht, aber es war unverkennbar Luna wie sie leibt und lebt. Sie riss sich die Brille von der Nase und kam näher. Sie ging sofort auf Harry, Hermine und Ron zu. "Schön euch mal alle wieder zu sehen. Ich freu mich doch immer Freunde wiederzutreffen. Du siehst aber alt aus, Ron."

Alle lachten, sogar die Slytherins, die ja Luna zwar kannten, aber nicht besonders mochten.

"Ähhm, jaja. Wir sind alle älter geworden." Aber was sich geändert hatte war, dass alle Luna umarmten und sie nicht sehr verwundert war, dass Leute das taten.

Sie setzte sich auch ungezwungen zu ihnen und niemand sagte etwas dazu. Alle hatten anfangs Schwierigkeiten, ein Gespräch anzufangen, aber schnell war eine ausgiebige Unterhaltung im Gange. Vielmehr war es eine Wiedergabe von Anekdoten aus der Schulzeit, wie es bei jedem Klassentreffen in der Welt, auch in der magischen Welt, üblich war. Inzwischen kamen auch einzelne Elfen mit silbernen Tabletten angelaufen und Harry schaute genau hin, obwohl er wusste, dass eine bestimmte Elfe nie mehr dort auftauchen würde. Die Ereignisse von vor 9 Jahren hatten schon tiefe Wunden gerissen, tiefere, als wenn Menschen und Freunde auf natürlichem Wege von ihnen gegangen waren.

Scheinbar waren alle in ähnliche Gedanken vertieft, als plötzlich Professor McGonagall wie aus dem Nichts bei ihnen stand.

"Ich freue mich Sie alle - fast alle - wiederzusehen nach all dieser Zeit. Solche Ereignisse wie damals binden Menschen enger aneinander als es eine normale Schulzeit nun einmal macht." Sie wedelte kurz mit ihrem Zauberstab und eine Menge von Bildern auf Stellwänden erschien aus dem Nichts. Es waren alles Photos aus ihrer Schulzeit, die im Laufe der Jahre hier entstanden waren. Alle schauten traurig auf die Bilder, bei denen stand, dass sie Colin Creevey einst von ihnen gemacht hatte. Sie erinnerten sich alle noch an diesen kleinen nervigen Jungen der von alles und jedem Photos gemacht hatte und den viele von ihnen dann tot mit vielen anderen in der Großen Halle gesehen hatten. "Ja, Colin." sagte Luna, "der war schon seltsam. Aber auch seltsame Menschen können mutig sein und sterben." Man hörte vereinzelte unterdrückte Schluchzer. Alle waren von diesen grausamen Erfahrungen auf die eine oder andere Weise geprägt. Alle hatten Freunde oder Verwandte verloren - auch die Slytherins, die auf der falschen Seite waren. Draco und Harry sahen sich an und zum ersten Mal wechselte ein Blick des Einverständnisses zwischen ihnen. Der Kampf war lange vorbei, aber die Trauer bleibt. Und das verband sie alle tiefer, als manche es sich eingestehen wollten.

Professor McGonagall konnte sehr gut diese Stimmung einschätzen und wollte nicht, dass dieses Klassentreffen in Trauer verharrte. Auf einen Wink von ihr kamen die anwesenden Lehrer, die sie noch aus ihrer Schulzeit kannten, aus dem Schulgebäude. Und eine massige Gestalt näherte sich aus der Richtung der Wildhüterhütte. Hagrid hatte sie ab und zu besucht, aber ihn wie früher durch die Wiese am Großen See stapfen zu sehen war einfach wunderbar. Und wie früher eilten Harry, Ron und Hermine auf ihn zu und umarmten ihn, vielmehr seinen alten Mantel, dessen Geruch nach Rauch, Feuer und Steinkeksen sie wirklich an ihre frühe Schulzeit erinnerte.

Aber auch Professor Slughorn, der ja damals nur ein Jahr bleiben wollte, war noch immer da, ebenso Professor Sinistra und Professor Raue-Pritsche. Madam Pomfrey und die Bibliothekarin Madam Pince waren auch da und sogar Argus Filch stapfte missmutig herum, seine Katze Mrs Norris direkt hinter ihm. Und irgendwie freuten sich alle, auch ihn und die Katze wiederzusehen. Sie gehörten auch zu den glücklichen Tagen von Hogwarts, die ja die meisten Schüler unbeschwert ohne Furcht vor Gefahren verbracht hatten. Es bildeten sich Grüppchen, die sich im Stehen unterhielten und die etwas traurige Stimmung von vorhin war verschwunden, denn man hörte vereinzelte Lacher und die Gespräche waren intensiv.

Harry und Ron unterhielten sich mit Professor McGonagall, Hermine und Luna standen bei Professor Sinistra und Draco - ja der stand tatsächlich bei Firenze und neben ihm stand Gregory Goyle, der wohl später eingetroffen war, denn Harry hatte ihn noch nicht gesehen. Kurz suchte er Vincent Crabbe, bis ihm dessen plötzlicher Tod im Dämonsfeuer in die Erinnerungen sprang.

"Ja, ich weiß es ja", antwortete Harry. "So viele Tote, so viele Verluste. Selbst den dicken Crabbe vermisse ich und Remus, Tonks …"

Minerva McGonagall klopfte ihm auf die Schulter und er ging zu seinen Freunden zurück. Die Sonne schien auf den Großen See, Hagrid stand dort drüben, Fang hörte er aus der Ferne bellen, am Himmel schwebten zwei Hippogreife und man meinte das Getrappel von Zentauren zu hören. Ein Nachmittag wie in der Schulzeit, aber ohne die ständige Bedrohung und einfach nur ruhig und schön. Als wenn Hermine seine Stimmung genau erkennen würde, meinte sie, so hätte die Schulzeit sein können ohne Voldemort. Ein normaler Nachmittag in Hogwarts.

Die Stimmung war etwas schläfrig geworden, aber das gehörte scheinbar zu so einem Treffen dazu, dass jeder seine eigene Schulzeit nochmal durchlebte, indem er die Handelnden von damals wenn auch in älterer Form um sich hatte.

Und wie es auch immer dazu kam, plötzlich standen Hermine, Ron und er bei Malfoy und sie begannen sich zu unterhalten. Draco gab zu, dass er doch sehr von seinem Vater beeinflusst wurde und wirklich an die Idee der Reinblütigkeit geglaubt hatte. "Hatte", wie er betonte. Er gab zu, schon in seinem sechsten Schuljahr eigentlich nicht mehr daran geglaubt zu haben. "Aber ich konnte darüber nur mit meiner Mutter reden, meine Tante war ja dauernd um uns. Ehrlich gesagt, sie war wahnsinnig, genauso wie der Dunkle … wie Riddle. Es war falsch, vieles falsch, aber ich wollte meinen Vater beschützen, deswegen passierten all diese Dinge und deswegen bin ich auch Schuld an Crabbes Tod."

"Leute, in der Großen Halle gibt's Kaffee oder Tee und Kuchen und sowas", rief Neville. "Es ist zwar schönes Wetter und wir könnten die Elfen bitten …"

"Nein, nein wir gehen hinein. Wir können ja hinterher wieder hierherkommen. Das Wetter ist wirklich schön. Aber die Elfen haben auch ohne uns genug zu tun."

"Kaffee um diese Zeit, immer diese kontinentalen Sitten", meinten alle Slughorn beim Hereingehen murmeln zu hören.

Kuchen gab es in ihrer Schulzeit nur beim Abendessen als Dessert, aber Kaffee und Tee und Kuchen gab es nur bei Klassentreffen. Keiner konnten sich daran erinnern, denn darüber redeten sie beim Hereingehen. Der alte Hufflepuffhaustisch war für sie gedeckt worden, während anscheinend am Tisch der Gryffindors noch immer geputzt wurde obwohl die Arbeiten wohl grad ruhten.

Harry kam zufällig neben Luna zu sitzen.

"Ist einfach schön, dich wieder zu sehen. Man sollte ruhig Treffen organisieren, die jahrgangsübergreifend sind."

Luna antwortete: "Naja, ich arbeite hier. Ich darf hier im Wald und in den Gewächshäusern forschen".

Harry wechselte schnell das Thema und fragte sie nach ihrem Vater. "Ach, der hat genug Arbeit mit dem Klitterer, der kann mir nicht helfen. Es gibt ja mehr zu entdecken als Nargel. Ich arbeite ja mit Rolf Scamander zusammen. Er ist verwandt mit Newt Scamander, dem berühmten Autor und Naturforscher."

"Ah, das ist ja interessant. Ist es dir schon gelungen, diesen Schnarchkackler zu finden?"

"Noch nicht, aber ich werde das schon schaffen."

Sie wurden von Hagrid unterbrochen, der sich auf einen freien Platz gegenüber setzte.

"Ehrlich, ich mag ja alle Kinder, die hierherkommen. Aber die Schuljahre mit euch waren doch die schönsten bisher. Obwohl wir ja Aragog begraben mussten. Aber es kamen Drachen hierher. Das waren noch Zeiten. Und ihre Zucht ist noch immer verboten. Eine Schande ist das. Aber was rede ich, ich wollte euch alle mit in den Wald nehmen. Keine Angst, es ist nicht weit."

Hermine flüsterte irgendwas davon, dass es wohl wieder nach langer Zeit spannend und gefährlich werden würde. Aber nachdem alle gegessen und getrunken hatten verkündete Professor McGonagall, neben der Hagrid stand, dass man an den Rand des Verbotenen Waldes wollte.

Sie gingen langsam den Weg zu Hagrids Hütte entlang, vor der Fang lag und ihnen entgegenblickte. Als er Ron und Harry erkannte sprang er auf und rannte auf sie zu. Er war mit der Zeit langsamer geworden, dennoch schaffte er es sich aufzurichten und Ron durchs Gesicht zu lecken. Der konnte ihn kaum abwehren und Hagrid freute sich, dass sein Hund die Schüler wiedererkannte, denen er früher so oft begegnet war.

Hinter sich hörte er Pansy Parkinson sagen, dass sie sofort wieder ins Schloss ginge, falls es wieder einmal eines dieser gefährlichen Tiere wäre, die Hagrid ihnen zeigen wollte. Als sie aber ein paar Schritte in den Wald gingen und nichts Gefährliches auftauchte, meinte Susan Bones, dass es wohl nicht so schlimm werden könne, weil ja anscheinend Professor McGonagall eingeweiht wäre und sie würde niemals etwas zulassen, was auch nur im Geringsten gefährlich wäre. Pansy schien nicht überzeugt und auch Ernie Macmillan sah man die Zweifel am Gesicht an. Selbst Hermine flüsterte Draco etwas zu und schien skeptisch. Man merkte alleine an dieser Szene, dass die Zeit doch manche Wunde heilen konnte.

Und nachdem sie an einem dichten Gebüsch vorbeigingen bot sich ihnen ein Anblick den sie nicht erwartet hatten. Auf einem Felsblock stand der kleine Professor Flitwick, den sie schon vermisst hatten und vor ihnen stand Grawp in einem riesigen Frack, mit weißem Hemd und Fliege. Als alle versammelt waren und staunten, hob der Professor seinen Taktstock und Grawp fing an zu singen. Und er sang wirklich wunderbar, wie man es einem Riesen niemals zugetraut hatte.

Und alle wussten irgendwie, dass es noch ein wunderbarer entspannter Abend werden würde.